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Vorsitzender der Gestaltungskommission Dresden zieht Bilanz

Seit 2016 setzt sich die Gestaltungskommission Dresden für die Baukultur in Dresden ein. Sie berät private Bauherren und auch die Landeshauptstadt Dresden bei ihren Bauvorhaben oder wichtigen Planungen. Vier der fünf fachkundigen Mitglieder werden ab Juni neu besetzt. Nun zieht Prof. Dr.-Ing. Jürg Sulzer, Vorsitzender der Gestaltungskommission Dresden, Bilanz.

Die Gestaltungskommission führte in den vergangenen fünf Jahren einen fruchtbaren internen Dialog und einen vielfältigen Diskurs mit Interessierten der Bürgerschaft und mit Mitgliedern des Stadtrats. Unter anderem sind daraus ?Empfehlungen für Stadtgestaltung und Architektur in Dresden? entstanden und werden demnächst vom Stadtrat beschlossen. ?Diese Empfehlungen halte ich für einzigartig in Deutschland?, resümiert Prof. Jürg Sulzer.

Dazu führt Sulzer aus: »Quasi als Abschluss der ersten Fünfjahresphase unserer Kommissionsarbeit soll ein kurzes Fazit stehen, das die bisherigen Erfahrungen würdigt. Natürlich obliegt es der zukünftigen Gestaltungskommission, den Stadtbehörden und der Stadtpolitik, inwiefern diese Überlegungen modifiziert, weiter diskutiert oder neu interpretiert werden. Die Stadtentwicklung von Dresden kann man nicht mit ein paar Schlagwörtern umreißen. Wir haben während unserer Kommissionsarbeit eine äußerst pnende und vielfältige bauliche Entwicklung der Stadt kennen gelernt. Und natürlich gibt es auch unschöne Bauten aus jüngster Vergangenheit. Diese sollen uns aber weniger interessieren. Weit wichtiger ist es für die Kommissionsmitglieder, die Stadt aus ihrer inneren Vielfalt und ihren historischen Zusammenhängen immer wieder neu zu entdecken. Darin sollte die eigentliche Arbeit einer Gestaltungskommission gipfeln. Und dies sollte auch heutigen Bauherren und Architekten Rahmen und Verpflichtung sein.

Es geht der Kommission um ein sorgfältiges Erkennen und Verstehen der äußeren und inneren Zusammenhänge der Stadt. Darauf aufbauend lässt sich eine neue Kontinuität von Stadtensembles, von Stadtraum und Stadtidentität gewinnen. Drei Aspekte, die dieses Verstehen der Stadtraumentwicklung von Dresden erklären, sind für die Kommission wegleitend:

1. Zerstörung der Stadt

Die Dresdner Innenstadt wurde als Folge des Zweiten Weltkrieges ähnlich schlimm zerstört wie viele andere deutsche Großstädte. In der Dresdner Innenstadt wurde der Stadtkörper ? die eigentliche räumlich-bauliche Lesbarkeit der Stadt ? in weiten Teilen aufgelöst. Der Stadtraum schien verloren zu sein.

2. Schwieriger Wiederaufbau

Genauso wie in vielen westdeutschen Großstädten erfolgte mit der Kriegszerstörung eben ?nur? eine Auflösung des Stadtkörpers und nicht deren Vernichtung. Ein scheinbar moderner Wiederaufbau erfolgt in Dresden zumeist auf technischer Basis und weniger auf der Grundlage des historischen Erbes. Denken wir beispielsweise an die Neugestaltung der Johannstadt mit ihrer ehemaligen Schönheit von Blockrandbebauung und Schmuckplätzen oder an die willkürliche Neubebauung rund um die St. Petersburger Straße. Erst mit dieser ?Zerstückelung? des Stadtkörpers infolge des Wiederaufbaus zeigt sich, dass die Stadt für viele Bürger zum Teil fremd geworden ist. Ihre Sehgewohnheiten haben sich verloren angesichts der anonym wirkenden Neubauten, die sich in jeder Stadt Europas finden lassen. Oft sind Stadtteile entstanden, die kaum noch eine Erinnerung an die ehemalige Residenzstadt bieten. Dem historisch überlieferten Stadtkörper und Stadtraum wurden entscheidende Teilstücke genommen. Der Stadtraum als Ganzes schien verloren.

3. Stadtraum im Kontext

In den vergangenen fünf Jahren hat die Kommission immer wieder gefordert, dass es weder um anonym wirkende Neubauten noch um möglichst ausgefallene architektonische Einzelbauten gehen sollte, auch wenn sie für sich gesehen eine gestalterische Besonderheit vermitteln wollen. Weit wichtiger ist es den Mitgliedern, den Kontext neuer Bauten im Verhältnis von überliefertem und neuem Stadtraum zu erkennen. Auch wenn seit den frühen 2000er Jahren immer wieder gute Neubauten entstehen, lassen sie oft die Zusammenhänge von Stadtraum und Stadtensemble vermissen. Einzelbauten sollten im Kontext von Stadtraumentwicklung und Stadtbaugeschichte gesehen werden. Darin liegen die entscheidenden Kriterien, wie eine behutsame Stadtraumgestaltung für Dresden im Mittelpunkt zukünftiger Diskussionen stehen könnte, um die Stadt weiterhin sorgfältig zu entwickeln.

Ein kurzes Fazit

Nur wenige Städte in Deutschland mussten sich mit einem derart zerstückelten Stadtkörper auseinandersetzen wie Dresden. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren bemüht sich die Stadt mit großem Engagement und mit einem ganzheitlichen Anspruch, die Stadtraumgestaltung systematisch weiter zu verfolgen. Die bisherigen Bemühungen um den Kontext von Stadtraum und Stadtensemble sollten konsequent weiter thematisiert werden. Auch Fragen zu Stadtklima, Umwelt, Energie und Ressourcenverbrauch spielen dabei eine immer größere Rolle. Es ist äußerst pnend, eine moderne architektonische Gestaltung immer wieder neu zu verfolgen, die sich intensiv mit dem Anknüpfen an vorgefundene Orte und mit der Schaffung von Möglichkeiten des Erinnerns auseinandersetzt. Nur so können wir den Sehgewohnheiten der Menschen gerecht werden. Den Kontext in der Stadtraumentwicklung immer wieder neu zu suchen und zu interpretieren, ist moderne Stadtbaugestaltung schlechthin und hat nichts mit Rekonstruktion zu tun. Die Stadt Dresden ist auf gutem Weg, diese neue Moderne des 21. Jahrhunderts weiter zu entfalten und Orientierungspunkte präzise zu setzen. Die Schönheit der Stadt wird sich aus dem Kontext ihrer Einzelteile im Stadtraum positiv und ganzheitlich weiterentwickeln.?

geschrieben am: 30.04.2021
Redaktion DD-INside.com


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