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Hamburger produziert alternative Kochshow in Wohnzimmer

Rund 60 Zuschauer drängen sich in Marco Reyes Loredos Wohnzimmer. Es ist heiß, laut und verraucht. Während die Punkband 1000 Robota auf einer improvisierten Bühne dem Publikum einheizt, kocht Moderator Reyes Loredo «Überlaunige Pasta mit Zeugs». Ab Samstag wird die neueste Ausgabe der alternativen Kochsendung «Konspirative Küchenkonzerte» ausgestrahlt.

Hamburg . Rund 60 Zuschauer drängen sich in Marco Reyes Loredos Wohnzimmer. Es ist heiß, laut und verraucht. Während die Punkband 1000 Robota auf einer improvisierten Bühne dem Publikum einheizt, kocht Moderator Reyes Loredo «Überlaunige Pasta mit Zeugs». Ab Samstag wird die neueste Ausgabe der alternativen Kochsendung «Konspirative Küchenkonzerte» ausgestrahlt. Die kleine Independent-Produktion aus Hamburg überrollt derzeit die offenen Kanäle in ganz Deutschland und Österreich mit musikalischer Subkultur. Nachdem die Show Anfang des Jahres sogar für den Adolf-Grimme-Preis nominiert wurde, buhlen nun die öffentlich-rechtlichen Sender um das ungewöhnliche Format.

In einer alten Fabrikhalle auf der Elbinsel Wilhelmsburg hat sich Reyes Loredo sein Wohnzimmer eingerichtet. Eine Lkw-Laderampe und ein lärmender Industriefahrstuhl erinnern noch an die ursprüngliche Bestimmung des Ortes. Alle paar Wochen lassen Reyes Loredo und sein Team hier das Studio der «Konspirativen Küchenkonzerte» entstehen. Schreibtisch und Sitzecke kommen dann raus, dafür werden Dutzende Scheinwerfer aufgehängt, Laufschneisen für Kameramänner eingezeichnet und die Ausrichtung des Raums auf zwei Bühnen - eine zum Kochen und eine zum Musizieren - abgestimmt. Zusätzlich gestaltet in jeder Folge ein anderer Künstler den Raum mit seinen Werken.

Die Idee mit der Kochsendung sei vor etwa eineinhalb Jahren spontan entstanden, sagt Reyes Loredo. «Wir trommelten ein paar Leute zusammen«, erinnert sich der 31-Jährige. Die Starkstromleitung im Keller wurde reaktiviert. Ein Veranstaltungstechniker im Hof gegenüber spendete die Technik, die Kameras kamen vom Hamburger Bürgerkanal Tide und die Backstageeinrichtung von der Wilhelmsburger Möbelhilfe. Fehlende finanzielle Mittel seien durch Kreativität kompensiert worden, sagt Reyes Loredo.

Durch billigere Produktionskosten und neue Verbreitungskanäle werde es auch für nicht kommerzielle TV-Produktionen immer leichter, ein größeres Publikum zu erreichen, sagt Jan-Hinrik Schmidt vom Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung. Zwar schaffe nur ein Bruchteil der vielen Amateurformate den Sprung in die große Öffentlichkeit, aber die Hürde sei in den vergangenen Jahren geringer geworden. Das Monopol der reichweitenstarken Sender auf Informationsverbreitung weiche auf.

«Wir sind von den deutschen Musiksendern so enttäuscht gewesen, dass wir uns dazu gezwungen sahen, ein alternatives Forum für Musik im Fernsehen zu schaffen», sagt Reyes Loredo. Um ein breiteres Publikum zu erreichen, habe sich das Team nach einer der ersten Staffeln an verschiedene öffentlich-rechtliche TV-Stationen gewendet. Nur eine Anstalt schrieb zurück, eine Weihnachtskarte.

Als die Sendung jedoch von immer mehr offenen Kanälen bundesweit gezeigt wurde und auch übers Internet immer mehr Menschen erreichte, wurde die Regionalpresse aufmerksam. «Und irgendwann kam die Grimme-Preis-Nominierung», sagt Reyes Loredo. Völlig überraschend nominierte die Jury des Grimme-Instituts erstmals eine Sendung, die für keinen renommierten Sender produziert wird.

Mit den Sendungen früherer offener Kanäle seien die «Konspirativen Küchenkonzerte» nicht vergleichbar, sagte der Direktor des Grimme-Instituts Uwe Kammann. «Das liegt auf hohem Niveau.» Kurz darauf wurde die Sendung mit dem Sophie Medienpreis für anspruchsvollen Journalismus ausgezeichnet.

Seitdem hat sich für das Team einiges verändert. «Die Leute kommen jetzt auf uns zu», sagt Reyes Loredo. Die letzte Staffel wurde etwa von der Alfred Töpfer Stiftung und der Hamburgischen Kulturstiftung unterstützt. Die Regie übernahm unentgeltlich Geli Fuchs, die bereits für Harald Schmidt, Johannes B. Kerner und den «Quatsch Comedy Club» arbeitete.

Fast alle öffentlich-rechtlichen Sender hätten mittlerweile Interesse an der Sendung gezeigt, sagt Reyes Loredo. Das Team sei zwar interessiert, aber inzwischen sei das kommerzielle Fernsehen nicht mehr das höchste aller Ziele. «Wir könnten uns auch sehr gut vorstellen, mit einem langfristigen Sponsor einfach so weiterzumachen wie bisher», sagt Reyes Loredo und fügt hinzu: «Dann wäre zumindest sichergestellt, dass wir unsere Freiheit und Identität bewahren.»



ddp - Bild © ddp

geschrieben am: 06.08.2010
Redaktion DD-INside.com


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