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The Whitest Boy Alive: Regeln sind manchmal zum Daranhalten da

The Whitest Boy Alive: Regeln sind manchmal zum Daranhalten da


Was für ein Kontrast: Nannten Erlend Oye, Marcin Öz, Sebastian Maschat und Daniel Nentwig ihr 2006 veröffentlichtes Debütalbum „Dreams“, so heißt das neue Werk der allseits beliebten Tanzpopmusiker aus Bergen (Erlend) und Berlin (der Rest) nun „Rules“. Regeln statt Träume – ist bei The Whitest Boy Alive nun also etwa Schluss mit Ideenreichtum und Selbstverwirklichlung? Wir unterhielten uns mit Marcin, dem Bassisten, der The Whitest Boy Alive vor sechs Jahren gemeinsam mit Erlend gegründet hat.

 

Marcin, ich dachte immer, Regeln sind doof und Träume sind gut. Habe ich mich geirrt?

Marcin Öz: Ja, da liegst du falsch. Denn es gibt auch Regeln, die gut sind. Gerade in der Kunst sind Regeln ungeheuer wichtig.

Warum?

Marcin: Durch Regeln, die man für sich selbst aufstellt, kann man sich von anderen Bands unterscheiden und absetzen. Es ist nämlich nicht so, dass Regeln immer der Unterdrückung von oben dienen. Außerdem tut es gut, manche Regeln einzuhalten, andere zu hinterfragen und einige auch bewusst zu brechen.

An welche Regeln habt ihr euch bei den neuen Songs gehalten?

Marcin: An unsere Grundregel. Diese Grundregel ist das Gerüst von The Whitest Boy Alive.

Nämlich?

Marcin: Alles muss von uns selbst gespielt und später auch auf der Bühne nachvollziehbar sein. Das bedeutet, wir benutzen keine Effekte, sondern alle Instrumente klingen genau so wie sie klingen. Jedes Instrument, inklusive Erlends Stimme, hat seinen festen Platz, niemand soll sich in den Vordergrund schieben. Alle Elemente eines Songs sind gleichwertig. So vermeiden wir, dass ein Brei entsteht.

Du legst unter dem Namen Highfish auch regelmäßig House auf. Was ist der Unterschied zwischen DJ und Bandmitglied?

Marcin: Die Unterschiede zwischen auflegen und aufnehmen sind riesig. Als DJ schaffst du eine Atmosphäre, die einen Abend lang für eine begrenzte Auswahl von Leuten Bestand hat. Aber ein Album soll im Idealfall für die Ewigkeit halten und eine theoretisch unendliche Menge an Menschen erreichen.

 

Ihr habt die Platte in Mexiko aufgenommen. Wie kam das zustande?

Marcin: Ein Freund von Erlend aus Kalifornien hatte schon länger den Plan, ein Studio in Mexiko am Strand zu bauen. Aber er hat sich nicht getraut. Also haben wir ihn ewig bequatscht und ihm versprochen, dass wir ihm helfen und dort aufnehmen. Also haben wir ertstmal zwei Monate lang den „Glass Cube“, so heißt das Studio jetzt, gebaut und verkabelt. Anschließend haben wir „Rules“ gemacht.

Konntet ihr euch denn in so einer Umgebung konzentrieren?

Marcin: Das war eine großartige Hippiezeit, wir fühlten uns frei, entspannt, urlaubsmäßig und sehr gelassen. Aber wir mussten uns auch zusammenreißen und wirklich arbeiten. Sonst wäre es eine finanzielle Katastrophe geworden


Eure Songs hören sich irgendwie lieb an. Wenn sie fremde Leute wären, würde man sie ohne weiteres in seiner Wohnung übernachten lassen.

Marcin: (grinst): Wir sind auch lieb. Dieser Eindruck kommt natürlich auch durch Erlends Stimme zustande. Egal, ob er bei Kings Of Convenience oder bei The Whitest Boy Alive singt – er klingt immer so, als könne er kein Wässerchen trüben.


Welche Regel habt ihr denn für „Rules“ gebrochen?

Marcin: Erlend hat einst für sich beschlossen, in seinen Texten über bestimmte Orte, Zeiten oder Personen zu sprechen. Daran hat er sich bei den Kings Of Convenience immer gehalten und bei uns auch. Aber jetzt haben wir ein Lied, das heißt „1517“ heißt und in dem Europa erwähnt wird. Der Song handelt vom Ende des Mittelalters und dem Beginn der Renaissance. Damit brechen wir also gleich zwei Regeln auf einmal.  


Ihr habt auch bislang nicht mit den Medien gesprochen. Ein weiterer Regelbruch, oder?

Marcin: Jein. Wir hatten zu „Dreams“ auf Interviews verzichtet, weil wir dachten, wir hätten einfach nicht genug zu erzählen. Wir waren damals ja noch gar keine richtige Band. Aber seitdem haben wir sehr viel erlebt, sind gewachsen, durch die Welt getourt und wollen nun auch rein in die Zeitungen, die die Kids lesen.

Kids?

Marcin: In unserem Jargon sind alle Leute Kids. Egal, ob sie 14 oder 64 sind. Das ist in etwa auch die Altersspanne der Leute, die zu unseren Shows kommen.


Man hat den Eindruck, nach 120 Konzerten zwischen Jena und Jakarta sind The Whitest Boy Alive zu einer Einheit gewachsen, die den Unterschied zwischen Indiepop und House, zwischen Tanz- und Zuhörmusik spielerisch aufzuheben vermag.

Marcin: Das stimmt. Wir sitzen sehr bequem zwischen den Stühlen. Ich habe das Gefühl, auf unsere Musik können die Kids sich einigen. Zu uns kommen Leute, die Belle & Sebastian oder eben die Kings Of Convenience mögen. Aber auch Housefans, das klassische Clubpublikum halt. Genau so solle es auch sein.


Was seid ihr? Künstler, Nerds oder einfach eine Band?

Marcin: Letztendlich sind wir Handwerker, die Studios bauen, Instrumente kaufen, und sich ständig mit allen Aspekten von Musik beschäftigen.


Ist es Kompliment oder Beleidigung, euch als Konsensband zu bezeichnen?

Marcin: Kompliment. Wir sind zwar irgendwo auch Freaks und sicher keine brave Pullunderjungsband. Vor allen Dingen jedoch sind wir keine Snobs, die sich selbst für die Coolsten halten. Unsere Musik dürfen alle gut finden. Meine Eltern sind Fans von uns, aber mein kleiner Neffe ist es auch.



Gespräch und Interview : Martin Vejmelka

 

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