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Miss Platnum "Ich sah ein bißchen komisch aus"

Der Hype um östliches Kulturgut ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Ob Musik, Film, Literatur – unsere östlichen Nachbarn schaffen es immer wieder, unsere Sympathien zu erobern. Gerade im Zuge der EU-Erweiterung wächst das Interesse an den Menschen, denen viele bisher eher mit Vorurteilen gegenüber standen. So entwickelt sich ein spannungsvoller Kulturaustausch, den dieser Tage wieder eine neue Künstlerin entfacht.
Miss Platnum heißt die Dame, kommt aus Berlin und kennt, seit sie in jungen Jahren nach Deutschland kam, beide Kulturen nur zu gut. Aus diesem Spannungsfeld schöpft sie Themen, musikalische Arrangements und die Fähigkeit, die Eigenarten beider Kulturen musikalisch zu verschmelzen. Heraus kommt etwas, was man auf ihrem aktuellen Album „Chefa“ hören kann und was hierzulande vor allem unter einem Begriff bekannt ist: Balkan-Pop. Miss Platnum über Hornbrillen, Rumänien und Weiblichkeit.

Du bist mit acht Jahren nach Deutschland gekommen. Kannst Du diese ersten Eindrücke von damals heute noch beschreiben?

MISS PLATNUM: Es war natürlich in meinen Kinderaugen alles in totalem Überfl uss vorhanden. So viele Farben, irgendwie war alles schillernder, leuchtender. Die Läden waren voll gestopft mit unheimlich vielen Dingen. Ich konnte die ganze Zeit Bananen und Nutella essen und Fernsehen glotzen. Es war aus MISS PLATNUM „Ich sah ein bisschen komisch aus“ meinen Kinderaugen betrachtet damals schon eine komplett andere, scheinbar bessere Welt. In der Schule habe ich natürlich mit starkem Akzent geredet und sah ein bisschen komisch aus mit meiner Hornbrille mit den dicken Gläsern (lacht). Wenn ich die absetzte, schielte ich auch noch und natürlich hatte ich nicht die angesagtesten Klamotten. Die erste Zeit war also nicht ganz so einfach.

Du hast dann irgendwann Dein erstes Album aufgenommen. Dieses fand aber keine große Aufmerksamkeit. Wie war das für Dich?

MISS PLATNUM: Es war schon nicht so einfach. Man hat ja an so ein Album immer sehr viele Hoffnungen. Ich bin an das Album sehr naiv rangegangen, was die Produktion und das Schreiben der Songs betraf. Da war einfach kein großes Konzept dahinter. Trotzdem hat es mir schon wehgetan, dass es nicht funktioniert hat. Nach dem Album hab ich mich gefragt: Was soll ich machen? Soll ich noch ein Album machen oder lass ich es lieber? Noch einmal auf die Schnauze fallen? Letztendlich hab ich mich dann aber wieder aufgerappelt
und realisiert, dass ich gar nichts anderes als Musik machen kann und will.

Wie hast Du aus dieser Phase herausgefunden? War es die Rückbesinnung auf Deine Wurzeln, die Dich da wieder rausgeholt hat?

MISS PLATNUM: Ich habe meine Wurzeln nie vergessen. Rumänien war immer präsent. Insofern war es nicht so sehr die Entdeckung meiner rumänischen Wurzeln, die mich aus diesem Loch geholt hat. Es war vielmehr eine Rückbesinnung auf mich selbst. Ich hab mich gefragt: Was ist so besonders an mir als Sängerin und habe gemerkt, dass ich eigentlich meinen Soul, meinen R‘n‘B mit etwas verbinden will. Und so kam Rumänien ins Spiel. In diesem Moment habe ich einfach gemerkt, wer ich bin und was ich kann.

Wie bist Du mit Deinen Produzenten, The Krauts, an den Sound des aktuellen Albums herangegangen?

MISS PLATNUM: Ich habe ihnen erst einmal viel Musik vorgespielt. Wir sind dann nach Rumänien gefahren. Mir war wichtig, dass sie das Land, die Leute und die Mentalität kennen lernen. Das war auch der Moment, wo wir gesehen haben, okay, es funktioniert mit uns so, wie wir uns das vorstellen. Wir haben dort mit Musikern gearbeitet und die haben auf unsere Beats gespielt. Das war beeindruckend – Leute die noch nie solche Musik gehört haben und sich dann die Kopfhörer aufsetzten und draufl os improvisiert haben.
Heraus gekommen ist dann auf meinem Album etwas, was ich letztendlich als Balkan-R’n’B bezeichnen würde.

In Deiner ersten Single „Give Me The Food“ des aktuellen Albums servierst Du dem Hörer eine Menge Sex und Essen. Was steckt hinter dem Song und dem Clip?

MISS PLATNUM: Ganz viel von mir. Ich esse sehr gerne. Ich feiere meine Figur, stehe zu meiner Figur und finde Rundungen gehören zur Weiblichkeit dazu. Im Grunde genommen ist es nicht mehr. Ich will zeigen, dass man Weiblichkeit auch anders definieren kann.
Und ich merke, dass viele Frauen sehr gut darauf reagieren, weil sie genau so drauf sind wie ich. Es ist eben nicht alles so perfekt und makellos wie es in Magazinen und Werbung immer dargestellt wird. In der Realität sieht es einfach ein bisschen anders aus und ich finde dazu muss man stehen.

Zeigt der Clip auch Deinen kritischen Blick auf die westliche Definition von Weiblichkeit?

MISS PLATNUM: Sicher kann man das auch so sehen.
Es war aber anfangs gar nicht so meine Intension. Wenn man sich Frauen in den Medien ansieht – die sehen meiner Meinung nach alle magersüchtig aus. Gerade die jungen Mädchen orientieren sich natürlich an diesen Bildern und denken dann, dass sie auch so aussehen müssen. Ich fi nde eine Frau muss auch mal auf den Tisch hauen können, viel trinken, viel essen können und trotzdem dabei unheimlich sexy sein dürfen.
Gegenüber östlichen Ländern wie Rumänien bestehen immer noch viele Vorurteile.

Wie siehst Du selber diese Sache?

MISS PLATNUM: Ich denke, dass immer noch zu viele negative Dinge vorherrschen. Da wird natürlich von Kinderbanden erzählt, die betteln und klauen, von Korruption und Frauenhandel. Aber diese Dinge sind nur ein kleiner Teil dessen, was Rumänien wirklich ist.
Klar gibt es noch viele Vorurteile, aber ich denke, wenn man versucht das Land ein wenig besser kennen zu lernen, dann wird man auch ganz schnell feststellen, dass es noch ein anderes Rumänien gibt als das in den Köpfen hier.

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