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Thomas D - Tipps vom Lebensberater

Tipps vom Lebensberater

 

Auf seinem aktuellen Soloalbum gibt Thomas D Tipps in allen Lebenslagen. Doch nicht nur „Kennzeichen D“ strahlt ungemein Lebensfreude aus - auch Thomas D selbst. Das will er nun wirklich all seine Fans beweisen und geht mit der Scheibe solo auf Tour.

 

 

Eigentlich dürfest du mit Fanta 4 genug zu tun haben. Wie hast du es da zwischen Album und Tour noch geschafft ein Soloalbum mit immerhin 18 Songs aufzunehmen?


THOMAS D: Nach der doch sehr schönen Zusammenarbeit an der letzten Platte mit den Fantas kam bei mir das Gefühl auf, dass ich eigentlich am besten gar nicht aus diesem Flow rauskommen sollte. Michi und ich waren ein sehr gutes Textschreibeduo und beflügelt durch diese Inspiration dachte ich mir: „Mach weiter, sofort!“ Da kam mir der Gedanke, dass ich doch irgendwann mal wieder ein Soloalbum machen wollte. Mir fiel auf, dass schon ewig Zeit seit meinem Letzten vergangen war, deshalb dachte ich: „Okay lass mal anfangen!“ Ich habe angefangen zu schreiben und plötzlich habe ich 20 Songs erarbeitet, was mich selbst sehr überrascht hat. Da musste ich die Notbremse ziehen und hab nur 18 davon auf „Kennzeichen D“ drauf gepackt. Kreativität hat eben keinen Feierabend.

Hast du bei so viel Textkreativität schon mal darüber nachgedacht, für andere Künstler Texte zu schreiben?

THOMAS D: Nee - da es doch tatsächlich immer noch viel Arbeit ist, auch wenn die Idee bis zum fertigen Stück schon vorhanden ist. Es steckt so viel hartes Blut drin, die Songs will ich dann auch selber rappen, singen oder sprechen. Ich mag's auch eigentlich nicht, wenn Leute Texte von Anderen performen. Das ist ja schön und gut und man kann damit vielleicht ein Entertainer oder ein guter Sänger werden, aber ein wirklicher Künstler, der legt doch seine eigene Seele in diese Sachen. Und so mache ich es mit meinen Sachen und das reicht völlig. 

Laut deiner eigenen Aussage ist „Kennzeichen D“ das beste Soloalbum, das du je gemacht hast.

THOMAS D: Ja! Ich glaube, wahnsinnig wäre es zu sagen, dass es das beste Album ist, was irgendein Solokünstler je gemacht hat. Es wäre auch schlimm, wenn ich sagen würde: „Das Album ist echt nicht so schlecht, aber „Solo 1“ war viel besser.“ Ich hatte natürlich bei jedem Soloalbum das Gefühl, dass es das Beste ist, was ich gemacht habe. Ich höre nicht auf zu arbeiten, bis ich nicht bei jedem Song denke: „Jetzt ist er geil!“ In dem Moment, in dem ich an Songs arbeite, gibt es nur noch ganz oder gar nicht. Entweder er ist geil oder er muss weg. Es gab auch Songs, die nichts geworden sind, weil es nicht gezündet hat!

Und wann ist für dich ein Song richtig geil?

THOMAS D: Also zum einen braucht der Song eine zündende Idee, etwas wo du dir denkst: „Das ist geil!“ Das können ein Satz, zwei Sätze oder ein halber Refrain sein. Dann musst du hart arbeiten, um nicht abzukacken. Unbedingt brauchst du den Kern von diesem Ding, was den Sound dann ausmacht. Und wenn du's dann schaffst nicht abzukacken, dann bleibt er geil. Am Anfang ist ein Song immer geil. Wenn er geil bleibt, dann kannst du sagen: „Das haben wir hingekriegt.“ Allerdings ist das ein momentaner Zustand. Beurteilen, ob ein Song geil ist oder nicht, kann ich erst ein paar Jahre später.

Wenn man sich dein Album angehört hat, klingt das nach typischen Hip Hop, zumindest vom Abgehfaktor her. Soll es für die jüngeren Hip Hop-Generation heißen: „Achtung - hier kommt noch mal Thomas D!“

THOMAS D: (lacht laut) Der Opa kann noch was! Die Frage habe ich mir letztens auch gestellt. Hab ich mich selbst überpräsentiert auf dem Soloalbum? Ich habe es mir dann noch mal angehört, wirklich sehr selbstkritisch. Ich musste feststellen: „Nein“. Die Musik, der Sprechgesang, die Art wie ich und wie wir es auch schon immer praktizieren, hat tatsächlich unheimlich viel mit dem Rapper zu tun. Es wäre auch nicht authentisch, wenn ich jetzt anfangen würde nicht mehr von mir zu reden, sondern von Andern. Da ich ja nicht nur einen auf dicke Hose mache, sondern auch durchaus poetisch über Gefühle erzähle. Daher glaube ich, ist es keine Egotrip-Selbstdarstellung, sondern eher Hip Hop typisch, auf einer Platte, wo gerappt wird. Wobei ich sie nicht als Hip Hop Platte sehe. Ich will auch nicht den Hip Hop Underground zurückgewinnen. Ich finde, es ist eine Pop-Platte. Und ich würde mir wünschen, wenn man dadurch vielleicht Sprechgesang sogar noch zu Leuten bringen kann, die das bisher noch nicht so gehört haben.

Für wen hast du das Album gemacht? Für die Fanta Vier Fans? Wen willst damit erreichen?


THOMAS D: Auf der einen Seite finde ich es schon schön, wenn man sagt, als Fanta Vier Fan hat man auch eine Thomas D Platte, die einem den Tag verschönt. Gleichzeitig: Wenn man einen typischen Thomas D Fan nimmt, der wird zumindest mit der ersten Single vielleicht ein Problem haben, weil er das tiefe Demutmäßige erwartet. Solche Stücke finden sich zwar auch auf dem Album, aber sie sind in der Minderheit. Den muss ich aber eh nicht erreichen, weil der sich eh das Album kaufen wird, um das für sich zu entdecken. Ich hab das live gemacht, damit ich auf Tour gehen kann, da ich doch nur wenige Stücke bisher hatte, die live richtig rocken.

Der Song „15 Minutes Of Fame“ erinnert an die ganzen Casting-Geschichten. Was hältst du von solchen Shows?

THOMAS D: Ich amüsiere mich immer, wenn ich diese sehe. Ich finde, man darf sich auch amüsieren. Aber man darf natürlich niemals die Diskussion eingehen, was eine derartige Show mit unserer Musik oder mit diesen jungen Menschen macht. Die werden schließlich nicht gezwungen sich da zu melden, sie machen das freiwillig. Solang man das als unterhaltsame und eigentlich nicht weiter tiefsinnige Fernsehunterhaltung sieht, ist es okay. Aber nach einem Sinn oder nach einer Rechtfertigung zu fragen, ist natürlich Schwachsinn.

Hättest du Lust in der Casting-Jury zu sitzen?

THOMAS D: Für „Popstars“ hatten sie mich mal gefragt. Jetzt macht's Sido. Nee nee, das geht gar nicht. Um Gotteswillen. Ich müsste denen ja allen sagen, wie scheiße sie sind! Geht ja nicht. Als Jury musst du sie schon ernst nehmen. Ich mein, wir sehen ja alle selber wie bei DSDS sehr verwirrte Menschen stehen und glauben sie könnten singen und niemand hat ihnen bis zu diesem Zeitpunkt gesagt, dass dies nicht der Fall ist. Und dann ist es an einem Herrn Bohlen das zu tun. Ich könnte das niemals machen!



 

Aber gucken tust du's trotzdem

THOMAS D: Ja ja. Ich schalte nicht immer ab. Ich war ein großer Fan von Mark Medlock, den fand ich super, auch persönlich. Ich finde ihn nach wie vor einen großartigen Typen. Das passt zu Deutschland. Wenn man die internationalen Varianten sieht, wie „American Idol“, da kommen ja tatsächlich internationale Superstars raus. Das dürfen wir auch nicht vergessen. Auch wenn sie vielleicht besser singen können als unsere Deutschen, die singen alle Lieder von anderen Leuten. Das ist eigentlich keine Auszeichnung zum Superstar, sondern eine Auszeichnung zum Supersänger. Nichts gegen einen guten Entertainer. Aber das hat gar nichts mit einem Künstler tun. Das ist wie ein Handwerker - ein Handwerker kann auch sehr gutes Handwerk machen. Ein Künstler muss natürlich auch ein guter Handwerker sein, keine Frage. Es bringt ja nichts, wenn du nicht singen kannst, hast zwar tolle Lieder, aber kannst sie nicht selber performen. Das ist ja auch nicht Sinn der Sache. Insofern muss man es nur trennen. 

Gerade bei Casting-Talenten ist die Karriere schnell vorbei. Hast du überhaupt noch Angst nach so vielen Jahren, dass es auch mal ganz schnell vorbei sein kann?


THOMAS D: Nee, ich habe Angst vor einem langsamen Ende. Ich bin immer der Meinung, wenn man nicht selbst erlebt hat, wie es unten ist, kann man nicht wissen, wie es sich anfühlt. Das Comeback ist ja auch immer noch eine Möglichkeit. Es gibt ja im Showgeschäft ein Ende mit doppeltem Boden. Man kann sich sogar auflösen und kann dann immer wieder kommen. Das ist überhaupt das Schwierigste der Welt: Ein Comeback zu machen und zu versuchen deine alten Erfolge vielleicht sogar zu toppen. Es mag schön und gut sein zu sagen: „Ich habe grade das erfolgreichste Soloalbum aller Zeiten gemacht und verabschiede mich danach mit weißer Weste von der Showbühne.“ Das langweilt. Ich möchte natürlich nicht in den nächsten Jahren in immer kleineren Läden spielen, immer abgefucktere Schuppen, vor immer weniger Leuten. Da würde ich vielleicht dann schon irgendwann mal aufhören. Aber auch wenn man über den höchsten Punkt ist und man merkt, dass es langsam wieder abwärts geht, ist das auch eine Erfahrung, die man machen muss. Du kannst nicht sagen: „Ich höre auf, wenn's am schönsten ist.“ Das ist ein blöder Spruch. Du weißt nicht, wann es am schönsten war, wenn es danach nicht schlechter wird. Erst dann kannst du anfangen darüber nachzudenken: Jetzt zieh ich mich zurück oder ich versuch ein Comeback. Ein Drogentod kann auch was tolles sein. 

Was ist eigentlich der größte Fehler, den man auf diesem Weg machen kann?

THOMAS D: Also der größte Fehler damals wäre gewesen, zu versuchen „Die Da“ zwei zu machen. Du hast einen Hit und dann denken alle, jetzt bring noch so Einen. Das ist ein Fehler, den man macht, wenn man sich beschwatzen lässt und denkt ich bleib jetzt auf der Schiene. Das Gegenteil kann auch der Fehler sein. Wenn man meint, ich hatte Erfolg, jetzt muss ich das ganze Konzept ändern. Es gibt viele Künstler die haben eine schizophräne Einstellung zum Erfolg. Alle wollen ihn eigentlich, sonst würden sie nicht anfangen sich auf Bühnen zu stellen. Alle wollen den Applaus und die Zustimmung. Oft stimmt das mit ihren eigenen Dingen nicht ganz hundertprozentig überein. Dann wollen sie was ganz Anderes machen und wollen sich vom Erfolg abkehren. Das ist auch ein Fehler. Die große Herausforderung ist, sich selbst treu zu bleiben auf diesem Weg. Das ist sehr schwierig, weil man sich verändert durch dieses plötzliche oder auch langsame zum Star werden

Dein neues Album gibt Tipps in allen Lebenslagen. Was willst du deinen Fans mitgeben?


THOMAS D: Ich denke, wenn du zu mir in die Beratungsstunde kommst, für 80 Euro, kriegst du Folgendes gesagt vom Lebensberater: Sie müssen versuchen ihre Probleme anzupacken. Ich rate ihnen den Spaß und den guten Humor nicht zu verlieren. Das Leben kann Spaß machen, aber der Spaß geht nicht auf Kosten Anderer. Der Spaß ist mit den Andern zusammen eine Bereicherung auch für dein Leben. Also predige ich nach wie vor positives Denken, nur mit einem ernsthafteren Hintergrund. Bleibe auf der guten Seite, auf der positiven Seite. Werde dir bewusst, dass dein Handeln und Denken durchaus einen Effekt hat und du die Verantwortung dafür trägst. Was sonst? Meine Message ist eigentlich immer die gleiche gewesen: Erhalt der guten Laune. Ich finde, ein verantwortliches Leben heißt nicht, dass man verbittert ist, weil die Andern so verantwortungslos sind. Das macht keinen Sinn zu sagen: „Ich wollte die Welt retten, aber die Andern haben nicht mitgemacht.“ 

Neben diesem positiven Lebensgefühl, gibt es da auch etwas, vor dem du richtig Angst hast?

THOMAS D: So richtig Angst nicht. Mich regen Sachen auf und manchmal nerven mich Dinge, aber Angst habe ich eher weniger.

Was nervt dich?

THOMAS D: (lacht) Wenn man mit anderen Menschen zusammen lebt, gibt es in der Kommunikation meistens Probleme und dann regt man sich über andere Leute auf. Mich nervt es, dass ständig Geschirr in meiner Spüle steht. Als wir eingezogen sind, habe ich einen Edding genommen und in das Spülbecken geschrieben „Lass mich frei“. Nach zwei Jahren hat sich das dann so langsam weggewaschen, aber das Geschirr ist immer noch da. Und daneben ist eine Spülmaschine - ich mein Leute, WGs zerbrechen an der Küche! Meine ist kurz davor!

„Kennzeichen D“ strahlt 100prozentige Zufriedenheit aus. Wie zufrieden bist du mit deinem Leben?

THOMAS D: Ich befürchte, dass eine zu große Zufriedenheit nicht so richtig der Freund eines Künstlers ist. Der muss immer irgendwas haben, worüber er sich aufregen oder wogegen er sich auflehnen kann. Wenn alles schon super ist, da kann er ja aufhören Musik zu machen. Vielleicht schaffe ich mir deshalb auch selber Widerstände, damit es nicht zu einfach oder zu schön wird. Vielleicht bin ich aber auch sehr, sehr dankbar für diesen Job oder diese Berufung, dass ich das machen darf, was ich mache. Das kam mir in letzter Zeit wieder öfter in den Sinn. Es ist wahrscheinlich sehr selten, dass man wirklich mit ganzem Herzen etwas macht und dann damit auch noch Millionen verdient. Das ist schon klasse. Ich versuche meine Dankbarkeit weit oben zu halten.

Was sagen deine Bandkollegen zu deinem neuen Album?   

THOMAS D: Die Platte hat den Fanta-Stempel bekommen. Gott sei Dank! Prädikat wertvoll! Die haben auch schon ihre Lieblingslieder. Eigentlich sind sich alleine einig, „Keine Panik“ ist ihr Lieblingssong. Ich find meine Platte natürlich richtig gut, schön wenn die anderen sagen, sie finden es auch gut.

Thomas D, 12. Dezember 2008, 20 Uhr, Alter Schlachthof, www.thomasd.net
 

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