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Samy Deluxe „Ich bin kein Sozialpädagoge“

Samy Deluxe

 

„Ich bin kein Sozialpädagoge“

 

Er ist älter geworden. Vielleicht auch etwas ruhiger. Überlegter. Ernster. Jedenfalls wirkt er so im Gespräch: Samy Deluxe, deutsches HipHop-Original.
Anfang dieses Jahres hat er sich mit seinen musikalischen Weggefährten Tropf und DJ Dynamite wieder zusammengeschlossen, um als Dynamite Deluxe noch einmal ordentlich die Massen zu begeistern. Im Oktober kommen Dynamite Deluxe auch nach Dresden. Wir sprachen aus diesem Grund mit dem Hamburger Rapper über soziales Engagement, Konzerte für eine bessere Welt und das Älterwerden.

 

Samy, das Jahr neigt sich dem Ende. Was waren die Highlights, wenn Du zurückblickst?

Auf der Tour mit Dynamite Deluxe hatten wir auf jeden Fall sehr schöne Momente. Aber am schönsten waren doch letztendlich die Festivals, zum Beispiel HipHop-Open, Splash und zwei große Festivals in der Schweiz. Mich hat der Gedanke im letzten Jahr beim Schreiben für das aktuelle Dynamite Deluxe-Album angetrieben, dass ich diesen Sommer etwas Taugliches für ein 20.000er Publikum haben will – und es hat geklappt. Die Auftritte waren einfach nur richtig krass!

 

Die letzte Tour mit Dynamite Deluxe steht an. Ein bisschen traurig?

Das ist schon okay, gerade, weil es auch so geplant war. Wir haben von vornherein gesagt, dass wir drei Solokünstler sind, die sich jetzt noch mal zusammenschließen, um eine Platte gemeinsam zu machen. Es war klar, dass es nichts ewiges sein wird. Sicher werden wir am Ende der Tour traurig sein – aber wir haben ja auch selber jeder für sich Visionen, die wir verwirklichen wollen.

 

Ihr habt im Keller und mit Kassetten begonnen bevor euch die Masse feierte. Heute steht das Image an erster Stelle, wenn man erfolgreich sein will. Wie denkst Du darüber?

Das Image ist schon sehr wichtig. Ich habe viele talentierte Künstler in den letzten Jahren gesehen, die es nie an die Öffentlichkeit geschafft haben. Und es gibt eine Menge Leute mit beschränktem Talent, die dann mit ein paar PR-Gags in die Medien und damit in die Öffentlichkeit gelangen. Das ist schon manchmal fragwürdig. Bei uns war es damals auch alles noch in den Anfängen, eine echte Jugendkultur eben, und nicht so ein Mediengeschäft wie heute.

 

Welche Verantwortung haben aus Deiner Sicht erfolgreiche Künstler wie Du gegenüber der Gesellschaft?

 

Ich denke, man kann nicht von jedem der in der Öffentlichkeit steht erwarten, dass er nur vollkommen positive Sachen sagt. Ich habe ja auch in der Vergangenheit Singles über das Kiffen gemacht (lacht). Bei mir ist das Thema Verantwortung über die Jahre immer wichtiger geworden, auch weil ich ein Kind habe. Andererseits bin ich auch für freie Meinungsäußerung. Mein nächstes Projekt wird zum Beispiel sehr positiv – und das ist es nur, weil es im Gegenzug auch eher negativere oder gegensätzlichere Sachen von mir gibt. Das ist eben immer so: Das Gute gibt es nur, weil es das Böse gibt und umgekehrt. Bekannte Künstler haben auf jeden Fall eine Verantwortung. Ob und wie sie sie wahrnehmen hängt von ihrer Reife ab.

 

Was hältst Du in diesem Zusammenhang von Events wie LiveEarth, dem musizieren für eine bessere Welt?

Natürlich kann man diese Veranstaltungen kritisieren. Ein einziges Konzert verändert sicher nicht die Welt. Aber man darf nicht vergessen, welche Macht berühmte Persönlichkeiten haben, auch durch solche Konzerte, über ihren Einfluss und ihre Bekanntheit die Öffentlichkeit für bestimmte Themen zu sensibilisieren. Etwas, was Politiker oft vergeblich versuchen. Es geht einfach darum nah an den Leuten dran zu sein, um sie zu erreichen. Und wenn ich in Schulen gehe und mit den Kids rede, dann kann ich den Themen zum Beispiel ganz anders nahe bringen als vielleicht die Lehrer. Auch Themen wie der Bürgerkrieg im Sudan – das bekommt man doch hier nur mit, weil George Clooney, Angelina Jolie und Brad Pitt es in jedem Interview erwähnen.

 

Du hast kürzlich einen Verein gegründet. Erzähl uns etwas darüber.

Der Verein heißt Crossover. Wir machen Integrationsworkshops in Schulen und arbeiten mit Jugendlichen. Wir suchen hier in Hamburg immer noch nach einem geeigneten Platz, wo wir eine feste Anlaufstelle für die Kids aufbauen können. Mit den jungen Menschen über Themen sprechen heißt eben nicht immer nur reden. Indem wir mit Ihnen Musik oder Sport machen kommt man auf ganz andere Art und Weise an die Jugendlichen heran und kann in ihnen etwas bewegen. Gerade letzte Woche haben wir mehrere Tage mit Jugendlichen gearbeitet und ein musikalisches Programm mit Band einstudiert, was am Hamburger Hafen auf großer Bühne vor mehreren tausend Zuschauern präsentiert wurde.

 

Zurück zur Musik. Am 26. September ist die EP „Weiter“ von Dynamite Deluxe erschienen. Was gibt’s auf die Ohren?

Da ist nochmal ganz neues Zeug drauf und ein Remix vom Album. Wir hatten einfach nochmal Lust, etwas zu veröffentlichen, was live so richtig abgeht für die kommende Tour. Wir haben das ja auch immer so gemacht: Album, Singles und dann noch eine EP.

 

Du arbeitest auch an einem neuen Soloalbum.

Genau. Es geht thematisch auf der Scheibe um mein aufwachsen in Deutschland. Alle Lieder haben eigentlich mit mir und meinem direkten Umfeld zu tun. Es wird sehr persönlich. Ich habe in der Arbeit mit den Kindern und in anderen Projekten gemerkt, dass ich Bock auf Engagement habe. Ich meine, ich bin kein Sozialarbeiter, aber indem ich etwas von mir erzähle, gibt man anderen Menschen auch ganz konkret etwas. Die Momente, die mir am meisten geben, sind die, in denen ich irgendwo mit Jugendlichen sitzen kann und wir über die verschiedensten Dinge des Alltags reden können. Und daher das persönliche Album, um einfach mit den Fans auch in ein sehr persönliches Gespräch zu treten. Und Du kannst auch mit 30 Jahren nicht mehr über die Dinge rappen, über die du mit 20 Jahren geredet hast. Das hieße ja null Entwicklung.

 

Text & Gespräch: Friedemann Schreiter

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