INTERVIEWS

MUSIK FÜR DIE WELT. DIE GANZE WELT!

Was Papier von seinem ersten McDonalds Hamburger hat er sich mit nach Hause genommen. Er hat später im Bett immer wieder daran gerochen, um sich an den Duft des Westens zu gewöhnen. Eigentlich ist er ja Trompeter. Ein ausgebildeter sogar. Doch gehört seine große musikalische Liebe den Plattentellern. Und diese intensive Beziehung pflegt er bis heute. Kein großes Festivals lässt er aus: Mayday, Nature One, SonneMondSterne, Melt oder Fusion. Doch möchte er nicht als DJ wahrgenommen werden. Viel lieber hört er es, wenn man ihn als Live-Act bezeichnet. Schließlich hat er die begrenzte Dimension der Plattenteller aufgebrochen und um jede Menge technisches Equipment erweitert. Und er war es auch, der 2008 im Film „Berlin Calling“, der in die Szene der elektronischen Musik eintaucht, die Hauptrolle spielt: Paul Kalkbrenner. Seine Musik kommt weitgehend ohne Worte aus, doch im Interview mit Franz X.A. Zipperer kommt er verdammt
wortgewaltig um die Ecke.


paul kalkbrenner

Franz X.A. Zipperer (fxaz): DJ hat in der Musikszene, in der du unterwegs bist, doch gar keinen so schlechten Klang. Du aber willst keiner sein. Warum nicht?

Paul Kalkbrenner (pauka): Ich kann mit dem Tun eines DJs nichts anfangen. Selbst, wenn ich ausschließlich von mir produziertes Vinyl auflegen würde, wäre das dann irgendwann nur noch oberpeinlich. Als Live-Act funktioniere ich ganz anders, ich reproduziere nicht, ich produziere.

fxaz: Du hast dich mal als musikalischer Autist bezeichnet. Was meinst du damit?

pauka: Ich wollte damit unterstreichen, dass ich von aktueller Musik keine Ahnung habe. Ich höre auch kaum Musik. Ich lese lieber. Auch für die Bühne bleibt das folgenlos. Ich spiele ja nur meine eigene Musik, nie die von anderen Künstlern

fxaz: Du hast in jungen Jahren eine ordentliche Musikausbildung genossen, du hast Trompete gespielt. Spielt das bei deiner heutigen Arbeit irgendeine Rolle?

pauka: Es ist zumindest einiges an musiktheoretischen Dingen hängen geblieben. Ich glaube
nicht, dass das Wissen um den Quintenzirkel mir jeweils verloren geht. Da so was immer im Hinterkopf ist, ist es schwer zu sagen, ob und wie es wirkt. Seit ich angefangen habe, elektronische Musik zu machen, versuche vieles davon absichtlich zu vergessen. Weil ich es nicht brauche. Ich bezweifele auch, dass es gegenüber anderen Musikern ein Vorteil ist, dass ich da eine fundierte Ausbildung mit mir rum schleppe.

fxaz: Was ist dann das Entscheidende für das Stückeschreiben?

pauka: Was mir etwas bringt, was ich auch umsetzen kann und will, ist musikalisches Gefühl.
Entweder man hat ein musikalisches Gefühl oder eben nicht. Um Musik zu Hause am Computer zu entwickeln, da braucht man nur dieses Gefühl, nicht das theoretische Wissen.

fxaz: Ein Interview mit dir, ohne auf den Film „Berlin Calling“ zu sprechen zu kommen, geht einfach nicht. Und du segelst ja auch hier in Dresden noch unter der Plakatflagge dieses
Streifens. Für den Regisseur Hannes Stöhr ist elektronische Musik die einzige Musik, die wirklich grenzenlos global funktioniert. Stimmst du dem zu?


pauka: Unbedingt. Elektronische Musik hat keinen Text. Also geht es nur um die pure Melodie, um den Sound. Techno spricht nur durch die Musik. Keiner muss darüber nachdenken, ob durch den beinhalteten Text, den er möglicherweise nicht versteht, etwas verloren geht.

fxaz: Wer oder was wird in dem Film wirklich porträtiert? Berlin, die Technomusik, die dazugehörige Drogenszene oder der Künstler Paul Kalkbrenner?

pauka: Weder noch. Es ist ein Porträt der Zeit. Die Thematik Techno oder Drogen sind nur der Pinsel mit dem wir das Bild malen. Es geht um eine viel universellere Geschichte. Vom Prinzip her hätte Ickarus, die Hauptfigur, auch eine andere Musik machen können. Es sind die
Probleme vieler Künstler. Viele pendeln zwischen Genie und Wahnsinn. Sie begreifen Dinge nicht, passen nicht auf sich auf und fallen dann auf die Schnauze. Es ist eine Geschichte, die immer wieder, ganz vielen passiert, und keine über mich oder über die Szene.

fxaz: Doch wie viel Paul Kalkbrenner steckt in der Hauptfigur Ickarus?

pauka: Sagen wir mal so, ich kenne Ickarus verdammt gut. Aber ich nicht hätte so werden wollen. Allerdings ist er auch mein eigener Dämon, aber auch einer, der gerne dahin will,
wo ein Paul Kalkbrenner vielleicht heute ist.

fxaz: Du kennst auch seine Drogeneskapaden? Sind die charakteristisch für die Techno-Szene?

pauka: Also ich könnte nie auf Drogen Musik machen. Das würde ich mir als Allerletztes
antun. Die vermeintlichen Vorteile von Drogen entwickeln sich sehr schnell zu Nachteilen. Kurzfristig kann man vielleicht kreativer sein, länger wach bleiben. Aber über einen längeren Zeitraum geht man daran zu Grunde. Zur prinzipiellen Kreativitätssteigerung jedenfalls taugen sie nicht. Die Frage, ob Drogen für die Szene grundlegend sind, kann so pauschal nicht beantwortet werden. Es kommt dabei immer auf den Blickwinkel an. Wenn beispielsweise die Leute nach dem Wochenende noch bis Mittwoch durchfeiern, ist das ohne einen Haufen Drogen wohl kaum machbar. Ansonsten verurteile ich Drogen nicht pauschal; denn ist es nicht eher die gesamte Gesellschaft, die ein Drogenproblem hat. Vom Schlosser bis in die Chefetagen.

fxaz: hast du jetzt Blut geleckt, was die Schauspielerei anbetrifft und werden die Clubtermine in deinem Terminkalender nun rarer werden?

pauka: Nur Schauspieler zu sein, reizt mich absolut nicht. Aber andererseits bin inzwischen über dreißig und will nicht mein ganzes Leben in Diskotheken verbringen. Am liebsten wäre mir beides. Ein Schauspieler sein, der auch Musik macht.

Wenn der Herr Kalkbrenner live vorbeischaut, dann sollte man die Chance nutzen; denn man muss einfach in echt dabei gewesen sein, wenn Paul Kalkbrenner dass tut, wofür ihm der Regisseur Hannes Stöhr folgendes Zeugnis ausstellt: „seine Musik hat eine klare Struktur, ein gutes Gefühl für Dramaturgie, ein Gespür für Melodie und eine Liebe zum Detail“.


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