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Trips und Träume auf der Reise mit Deichkind

Deichkind Live 3.0, so heißt die neue Show der krass-bunten Kasperletruppe aus Hamburg. Vermutlich hat man ihnen in ihrer Kindheit die Spielzeuge weggenommen. Denn die Bühne ist voller Kinderspielzeug: Hüpfburgen, Trampoline, Tröten. Masken, Fahrräder und was weiß ich noch alles für Zeug. Rumgehüpft wird auch mächtig. Optisch trifft Kindergeburtstag auf Dorfkirmes. Textlich begegnen sich Satiregipfel und Poetry-Slam. Musikalisch wird der Mixer angeworfen und fette Beats, harter Hip Hop und Elektrotrash püriert. Alle haben allergrößten Spaß. Die Künstler auf der Bühne genauso, wie das scharenweise anreisende Publikum. Oft sind die Besucher Mehrfachtäter. Das wird sicherlich auch am 12. Dezember im Dresdner Eventwerk nicht anders sein; denn auch dort machen die Sattelschlepper und der Nightliner von Deichkind Station. Doch vorher lief in Berlin die Generalprobe von Deichkind Live 3.0 vom Stapel. Für DD-inside war Franz X.A. Zipperer vor Ort und hat den Kindern vom Deich auf den Zahn gefühlt. DJ Phono, Porky und Philipp Grütering ließen dies geduldig über sich ergehen.


deichkind

Franz X.A. Zipperer (fxaz): Deichkind ist ja zunächst ein Konglomerat von Einzelmusikern, die zum Teil noch gar nicht so lange dabei sind, etwa du Porky oder Ferris MC, der bei euch als Ferris Hilton untergekommen ist. Wurde daraus eine richtig feste Bandstruktur entstanden?

Porky: Das Funktionsprinzip von Deichkind ist gerade das, dass wir sehr verschiedene Menschen sind. Aber man mag sich unheimlich gerne. Man ist sogar richtig fasziniert von den Mitmusikern, jeder versucht den anderen zu entertainen. So schaukelt man sich
gegenseitig in der Show hoch. Das gefällt dann auch den Leuten.

DJ Phono: Ansonsten sind wir ein kryptischer Klöterhaufen.

fxaz: Was ist so brandneu an Deichkind Live 3.0?

Porky: Das muss DJ Phono beantworten, er ist der Computerfreak, ...

DJ Phono: ... nein, nein, das muss Philipp Grütering beantworten, der weiß am besten wo es computertechnisch lang geht, ...

Philipp Grütering (phig): ... ist das nicht doch dein Part, Porky?

Porky: Okay, okay, wir haben die Show housiger gemacht. Das gefällt den Leuten. Und retrotechnisch sind wir ja wieder mittendrin in den 90ern, ...

DJ Phono: ... ein Revival, ...

phig: ... genau, genau, genau.

fxaz: Welche Musik dreht sich denn aktuell auf eurem persönlichen Plattenteller? Vermutlich nichts anders als 90er-Jahre Scheiß?

Porky: Momentan mag ich die Kings of Leon sehr gerne. Aber sonst auch Small Faces und so 60er-Zeug.

fxaz: 60er-Zeug?

Porky: Ja, Mann, du musst nur die 9 aus den 90ern umdrehen und schon hast du die 60er.

fxaz: Als was bezeichnet ihr das eigentlich, was ihr da auf der Bühne treibt?

Porky: Meinst du s jetzt musikalisch? Da sind wir eine Electric Superdanceband.

fxaz: Und sagen wir mal, theatralisch?

DJ Phono: Die ganze Show ist eine Rieseninszenierung. Wir reizen da alles aus. Licht, Ton, Kostüme, Requisiten. Das Ziel ist klar: Höher, schneller, weiter. Und dilletantischer. Der Anspruch von Deichkind diesbezüglich ist grenzenlos. Solange es eine künstlerische Idee hinter dem Bühnenkonzept gibt, ist meiner Meinung nach fast
alles erlaubt.

Porky: Wir gehen dabei voll in Richtung Größenwahn, weil wir uns immer selber kicken müssen. Größenwahn mit beschränkten Fähigkeiten und Möglichkeiten. Wir denken so groß, dass es unmöglich funktionieren kann.

fxaz: Noch mal zurück zur Musik, hört sich fast an, als träte die bei der Inszenierung in den Hintergrund?

DJ Phono: Musik und Spektakel harmonieren zusammen, müssen zusammen gehen; denn wenn die Musik nicht abliefert, ist die Show auch nix wert. Aber wir reden nicht dem Muckertum oder der filigranen Darbietung das Wort. Und da sind wir wieder beiden begrenzten Fähigkeiten, an filigraner Darbietung würden wir scheitern, ...

phig: ... da wird Scheitern wieder zur Chance. Wir haben schon als Hip Hop-Band nicht funktioniert. Und genau dieses Scheitern hat uns vorangebracht. Es hat uns neue Wege gewiesen. Nicht nur Musikalisch.

fxaz: Aber auch grandioses Scheitern macht Arbeit. Doch der Titel eurer aktuellen Platte lautet „Arbeit nervt.“ Was nervt?


DJ Phono: Unsere Arbeit ist kreativ. Unser Beruf schon stressig, auch wenn der ein oder andere vielleicht denkt, wir machen nur Unsinn. Nervig dabei ist, wenn dein Kopf leer ist und dir beispielsweise tagelang nichts mehr einfällt. Das ist verdammt nervig.

fxaz: Textlich geht ihr nach wie vor wesentlich humorvoller und unbeschwerter als manch andere an diese Arbeit. Wie schafft ihr das?


Phono: Ich hatte uns schon immer als Satire-Band empfunden. Und ich trete für mehr Humor und Ironie auf den Musikbühnen ein.

fxaz: Ihr habt Deichkind Live 3.0 als die vorerst letzte Tour angekündigt. Und dann?

Porky: Wir machen nächstes Jahr eine kreative Pause, was ja aber auch heißt, dass wir irgendwann wiederkommen. Aber unsere Live-Show, wie sie jetzt existiert, wird es nicht mehr geben. Von daher kann man jedem nur ans Herz legen, noch ein Konzert im Dezember
mitzunehmen, denn so gibt es uns danach nicht mehr. Dann gibt es nur noch die Videos auf Youtube, die an die Zeit erinnern, denn eine Live-DVD haben wir auch nicht geplant.


Also muss sich die wilde Party-People-Feiermeute flugs aufmachen; denn noch ein Mal reisen Deichkind durch Musik-Wunderland und geben den Massen ihre Pubertät zurück. Dann ist erstmal Schluss. Schließlich muss auch mal am neuen Album gearbeitet werden. 2011 soll es dann soweit sein. Also noch ordentlich Zeit, um die Spannung und Vorfreude ansteigen zu lassen.



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