INTERVIEWS

BILLY TALENT

Wovon handelt euer Song “Rusted from the Rain”`?

Ian: Das Lied haben wir aus dem Gefühl heraus geschrieben, in einer Beziehung am Boden zu liegen, von der Partnerin gedemütigt worden zu sein. Aber der Song ist nicht hoffnungslos. Die Botschaft lautet: Wenn das Leben dir nur Zitronen zu bieten hat, dann musst du eben Limonade machen.



Ist dieser Optimismus überhaupt die Devise von Billy Talent?

Ian: Das würde ich bejahen. Was immer du durchmachst es ist wichtig, ein gewisses Maß an Hoffnung zu behalten und niemals alles hinzuwerfen.

Ist “Hoffnung” auch ein Thema des Albums?

Ian: Es gibt mehrere Themen. “Hoffnung” ist sicher eines davon, wie auch schon auf unseren ersten drei Platten. Wir sprechen gern über ernste Themen, aber wir entlassen den Hörer nie ohne Hoffnung aus unseren Songs.

Warum nicht? Weil sich ein Happy End besser verkauft? Oder weil ihr wirklich an die Zukunft glaubt?


Ian: Ich halte es für überlebenswichtig, sich an die positiven Aspekte eines Ereignisses oder einer Lebenssituation zu klammern. Es kommt vor, wenn dir etwas schlimmes passiert. Aber die wenigsten Dinge sind einfach nur rabenschwarz.

Wo findet ihr denn dunkle Themen für eure Lieder? Mit der Band zumindest läuft es ja optimal?


Ian: Die Karriere und der Erfolg unserer Band ist ja nur ein Aspekt in unserem Leben. Natürlich sind wir glücklich über unseren Erfolg, aber zum dauerhaften Glück trägt so etwas nicht bei. Es gibt auch Enttäuschungen, vor allem privater Natur. Bei mir zum Beispiel ist eine Beziehung gescheitert in jüngster Zeit. Wir waren vier Jahre zusammen. Ben wiederum, mit dem ich die Texte zusammen schreibe, hat einen nahen Angehörigen verloren. Abseits von Billy Talent bietet uns das Leben genauso viele Höhepunkte und Tiefschläge wie jedem anderen Menschen auch. Wir sind sowieso sehr normale, durchschnittliche Typen. Deshalb gelingt es auch so vielen Leuten, sich mit uns zu identifizieren,

Sind die neuen Songs voller gebrochener Herzen?

Ian: “Tears into Wine” oder “White Sparrows” handelt von kaputten menschlichen Beziehungen. In “Tears into Wine” säuft sich der Erzähler seinen ganzen Frust und seinen Schmerz einfach weg, was ihm auf Dauer natürlich nicht gelingt. Man kann manche Tränen im Alkohol ertränken, aber niemals alle. Am Ende des Liedes schimmert aber wieder Optimismus durch, das Leben geht weiter.

Habt ihr es mit dem Alkhohol je übertrieben?

Ian: Wir sind recht erwachsen und kennen unsere Grenzen. Aber natürlich ist eine schöne Flasche Whiskey manchmal der beste Freund, den du in dem Moment finden kannst. Er stellt keine Fragen und tröstet dich.

Billy Talent gibt es jetzt seit gut 15 Jahren...

Ian: Eine unglaublich lange Zeit, in der Tat. Wir hätten diese Band nicht so lange machen können, wenn wir uns unverantwortlich benehmen würden.

Sind euch die neuen Songs, die Melodien, leicht gefallen?

Ian: Es war auf jeden Fall einfacher als beim letzten Album, bei dem wir uns ziemlich quälen mussten. Diesmal ging das Songschreiben schnell und aus unseren Herzen heraus. Anschließend freilich haben wir die Lieder poliert und möglichst perfekt gemacht.

Worin besteht der größte Unterschied zu den bisherigen Alben?

Ian: Der liegt wohl in unserem Produzenten Brendan O’Brien: Er hat uns wirklich dazu gebracht, uns extrem auf jeden einzelnen Song zu fokussieren, die einzelnen Elemente - die leisen wie die lauten - der Lieder wirklich auch herauszustellen. Die Platte klingt dadurch sehr klar. Außerdem habe ich den Eindruck, dass das neue Album stärker in Richtung Rock als in Richtung Punk geht. Gleichzeitig klingt es wirklich mächtig und bombastisch. Und genau das wollten wir.

Brendan O’Brien hat beispielsweise Alben von Pearl Jam, den Red Hot Chili Peppers und Rage Against The Machine produziert. Warum habt ihr euch so einen Starproduzenten gesucht? Erst wolltest doch du das Album doch selbst aufnehmen?

Ian: Stimmt, ich wollte es selbst machen. Aber dann schlug unsere Plattenfirma vor, doch mal einen Experten dazu zu holen. Wir durften uns sogar jemanden aussuchen. Also suchten wir uns Brendan aus und waren etwas überrascht, dass sich unser Lieblingsproduzent freute und direkt zusagte.

Warum hat euch das denn so überrascht?


Ian: Naja, wir sind zwar sehr bekannt in Kanada oder in Ländern wie Deutschland und Australien. Aber Brendan ist USAmerikaner. Und dort kennt uns ja kaum jemand. Insofern sind wir für Brendan gewissermaßen Niemande. Ihm war es zum Glück gleichgültig, wie groß wir in den Staaten sind. Ihm gefielen unsere Songs, und das gab für ihn den Ausschlag.

Ist ein Topname wie O’Brien für euch ein Weg, endlich den größten Musikmarkt der Welt zu knacken?

Ian: Natürlich. So ein Mann ist ein Türöffner, es wäre gelogen, wenn ich etwas anderes behaupten würde.

Also nervt es euch ungemein, dass ihr in den USA noch keinen Erfolg habt?

Ian: Sagen wir so: Dadurch konnten wir uns sehr viel stärker darauf konzentrieren, in Europa zu touren und dort entsprechend größeren Zuspruch zu genießen. Zumal wir wirklich gerne bei euch sind. Dennoch ist die Geschichte ein zweischneidiges Schwert. Wir würden uns nicht beklagen, wenn wir in unseren südlichen Nachbarland endlich bekannter würden.

Ist euer Sound zu kanadisch für die USA?

Ian: Nein, ich denke nicht, dass wir irgendwie typisch kanadisch klingen. Wir haben alle möglichen Einflüsse, im Prinzip die selben Einflüsse wie zum Beispiel US-Bands wie Green Day oder Nickelback.

Andersherum gefragt: Woran liegt es, dass ihr in Deutschland so groß seid?

Ian: Ihr Deutschen seid sehr offen. Eure Festivals vor allem sind fantastische Querschnitte durch das gesamte Musikgeschehen. Ich glaube, unsere Fans sind Menschen, die sehr offen sind. Die Rock und Punk mögen, aber nicht auf einen bestimmten Stil festgelegt sind - genauso wie wir.

Obwohl ihr Millionen Platten verkauft habt und eine Mainstream-Band seid, besitzt ihr immer noch einiges an Indie-Glaubwürdigkeit. Niemand wirft euch vor, dass ihr eure Ideale verraten hättet. Was ist euch dieser Spagat gelungen?

Ian: Indem wir uns nie an bestimmte Szenen oder Genres angehängt haben. Wir sind eine Band, die einen eigenen Stil hat, die niemanden kopieren möchte. Deshalb dauerte es auch so lange, nämlich 16 Jahre, davon zehn ohne kommerziellen Erfolg, um dorthin zu kommen, wo wir jetzt sind. Am ehesten will ich uns mit den Red Hot Chili Peppers vergleichen, die hören sich auch an wie keine andere Band,und entsprechend mussten auch die Chili Peppers lange auf den Durchbruch warten. Und ein eigener Sound bedeutet: Sehr hohe Glaubwürdigkeit.

Die Chili Peppers benötigen nach jeder Tournee eine lange Pause, vor allem voneinander. Wie ist das bei euch? Hängt ihr auch zusammen rum, wenn ihr nicht arbeitet?

Ian: Wir verstehen uns sehr gut, wir sind dicke Freunde, es ist wie unter Brüdern. Jeden Tag gibt es gewisse Streitereien und Diskussionen, aber es dreht sich immer nur um die Sache, unsere Songs. Es wird nie persönlich oder wirklich gemein.

Ihr habt viele Fans, die noch recht jung sind. Fühlt ihr eine Verantwortung gegenüber den Kids?

Ian: Ganz sicher. Wir finden es wichtig, wie wir uns in der Öffentlichkeit präsentieren und was wir auch jenseits der Musik unternehmen, um Vorbildcharakter zu haben. Wir engagieren uns zum Beispiel in “for Afrika”. Ich war vor einigen Jahren in Afrika, wir haben einenn Dokumentarfilm über das dortige Drama rund um HIV und AIDS gedreht und haben den in vielen kanadischen Highschools gezeigt. Wir sind auch Teil einer Organnisation, Aaron hat MS, spielen Benefizorchester jedes Jahr für Jugendliche mit Multipler Sklerose, die sich das College nicht leisten können.

Das Album heißt “Billy Talent III”. Habt ihr es aufgegeben, nach vernünftigen Albumtiteln zu suchen?

Ian: Beim nächsten Mal fangen wir damit an, versprochen. “III” vollendet eine Trilogie, das nächste Album kriegt einen richtigen Namen. Sonst machen wir uns ja lächerlich.

Text: Steffen Rüth


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