INTERVIEWS

Max Raabe - Das Ego ist gut ausbalanciert

Mit seinem Palastorchester interpretiert Max Raabe seit 20 Jahren erfolgreich die Lieder aus der Zeit der Weimarer Republik. Doch nun hat der Wahlberliner, der unter anderem schon in der New Yorker Carnegie Hall, in Shanghai und auf der Hochzeit von Marilyn Manson sang, ein Soloalbum aufgenommen. Es heißt „Übers Meer“ und zeigt den 47-jährigen von einer ganz neuen, einer stillen, intimen und romantischen Seite. Wir sprachen mit Max Raabe im Berliner Admiralspalast.




Herr Raabe, wie kommt es, dass sie jetzt ein Soloalbum machen?

Raabe: Ich hatte einfach den Wunsch dazu, eine feinere Platte aufzunehmen. Eine, die sich von einem typischen Konzertabend unterscheidet. Das Palastorchester bleibt allerdings meine Hauptbeschäftigung

„Übers Meer“ klingt ruhiger, balladesker als ihre Musik mit dem Palastorchester.

Raabe: Die Scheibe ist vom Charakter ganz anders. Das Wort, also meine Stimme, steht mehr im Vordergrund. Begleitet werde ich ja lediglich von meinem langjährigen Pianisten Christoph Israel, der wie ich aus Lünen stammt. Bei dieser Platte haben wir uns bewusst die mehr ernsthaften, ruhigen und getragenen Stücke vorgenommen. Nur unterbrochen von ein oder zwei lustigen Titeln. Unterm Strich aber ist diese Platte sarkasmusfrei, während wir mit dem Palastorchester ja immer viel schwarzen Humor pflegen.

Ist „Übers Meer“ eine romantische Platte?

Raabe: Wenn man über Musik spricht, gehört sich das Wort „Romantik“ nicht. Und zwar, weeil ich es über Gebühr strapaziert finde. Aber vielleicht ist „feinsinnig“ das passendere Wort.

Was haben sie als Westfale, der seit den Achtzigern in Berlin lebt, mit dem Meer zu schaffen?

Raabe: Meine Eltern haben meinen ältere Bruder und mich als Kinder immer nach Sylt geschickt. Ich habe da jedes Jahr meine drei, vier Wochen Urlaub mit anderen Kindern
gemacht und fand immer großartig. Die Geschichte hinter dem Titel ist jedoch eine andere.

Nämlich?

Raabe: „Übers Meer“ deshalb, weil ab 1933 nicht mehr nur die Stücke von Europa nach Amerika oder sonstwo nach Übersee gereist sind, sondern weil auch die Textdichter
und Komponisten übers Meer gehen mussten, weil sie hier in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten. Die Lieder haben Schwermut, Sehnsucht und Melancholie, ohne dass
deren spätere Bedeutung beim Komponieren vorgeahnt werden konnte. Als diese Stücke so um 1930 geschrieben wurden, da haben die Autoren, die allesamt Juden waren, geglaubt, sie könnten weiter in Deutschland arbeiten.

Lag es auf der Hand, auch Stücke aus der Weimarer Zeit aus- zuwählen?

Raabe: Ja. Die Lieder dieser Epoche sind meine wirklich Passion. Das Grundthema der Songs ist die Liebe in all ihren Schattierungen.

Haben Sie etwas über die Liebe gelernt bei der Arbeit an diesem Album?


Raabe: Mein Herr, bei der Liebe lernt man nie aus. Da sind immer wieder verblüffende Wendungen festzustellen.

Man weiß wenig über ihr Privatleben. Lassen Sie das absichtlich außen vor, oder fragen die Leute einfach nicht danach?

Raabe: Es macht mir mehr Spaß, darüber zu sprechen, was ich tue. Und nicht darüber, was ich am liebsten esse oder mit wem ich zusammen wohne. Ich halte nichts zurück, aber ich habe auch keine Lust, aus meinem persönlichen Leben so ein großes Thema zu machen. Mir ist es unangenehm, viel über mich zu sprechen.

Versuchen wir es trotzdem. Haben Sie auch als Kind schon gesungen?

Raabe: Ja.

Fanden Ihre Eltern das gut?


Raabe: Sie haben mich gerne singen gehört, aber sie waren nicht begeistert, als ich die Musik zum Beruf gewählt habe. Bei uns in der Familie hatte es vor mir noch nie Künstler gegeben.

Was machen Sie nach einer Tournee?


Raabe: Dann sitze ich auf dem Sofa und freue mich, dass ich wieder da bin. Ich schlafe aus und fange danach an, mich zu rühren, melde mich bei Freunden, lade zum Essen ein oder lade mich zum Essen ein.

Sie haben bei der – längst wieder geschiedenen - Hochzeit von Marilyn Manson und Dita von Teese gesungen. Haben Sie noch Kontakt zu Manson?

Raabe: Wir haben uns einige Male getroffen, aber das ist keine Freundschaft. Eher ein gegenseitiger Respekt.

Man denkt, der Schockrocker und der Feingeist sind zwei verschiedene Welten...

Raabe: Absolut.

Aber habt ihr vielleicht mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick denkt?


Raabe: Er ist sehr zurückhaltend, scheu und klug. Während der Hochzeit hat er seine Gäste immer mit so einem Schmunzeln beobachtet, das hat mir gefallen. Auf der Bühne hat er, genau wie ich, eine klar definierte Figur geschaffen, die eine klar umrissene Rolle spielt.

Welche Rolle spielt denn Max Raabe auf der Bühne?


Raabe: Ich bin auf der Bühne wesentlich sorgsamer und genauer als sonst. Ich mag den Ausdruck „Perfektionist“ nicht, aber ich habe mir vor einem Auftritt exakt überlegt, was ich sage und mache. Meine ganze Bühnenhaltung ist sehr minimalistisch. Aber es entspricht auch meinem Charakter, wenn ich manchmal vorne stehe und singe, aber manchmal auch zur Seite trete und dem Orchester den Vortritt lasse. Das heißt, ich muss auch privat nicht permanent das Wort führen. Das Ego ist ganz gut ausbalanciert.

Freuen Sie sich, wenn die Touristen schreien „Da vorne läuft Max Raabe“?

Raabe: Es passieren manchmal merkwürdige Sachen, man wird auch registriert. Aber in Berlin gibt es eine solche Dichte an bunten Vögeln, dass man nicht belästigt wird. Wenn ich möchte, dass die Leute in meine Konzerte kommen, dann muss ich damit zurechtkommen, dass man mich erkennt.

Könnten Sie sich auch woanders wohlfühlen als in Berlin?

Raabe: Ich bin wirklich glücklich, hier seit einem Vierteljahrhundert zu leben. Die Stadt hat alles, was man braucht. Und dazu kommt ein wunderbares, dünn besiedeltes Umland. Da mache ich dann Sachen im Wasser oder ich reite.

Sie reiten?

Raabe: Natürlich. Jeder Westfale kann reiten.

hr Erfolg hält sich seit Jahren auf einem beständig hohen Niveau. Woran liegt das?

Raabe: Ich habe eine wirkliche Liebe zu diesen Stücken aus der Weimarer Zeit. Und ich fing damit an, als niemand – inklusive mir – auf die Idee kam, dass man damit Erfolg haben könnte. Der hat sich dann später dazugesellt. Ich finde es toll, dass ich ohne Kalkül und nur mit meiner Liebe zu der Musik so ein Publikum gefunden habe. Das ist ein wirkliches Geschenk.

Ist Max Raabe mit Frack, gegeltem Haar und dem rollenden „R“ inzwischen eine Marke?


Raabe: Das hat sich dahin entwickelt. Ich habe mich nie verbogen oder danach geschielt, besonders erfolgreich zu sein. So wie ich mich auf der Bühne gebe, das ist mein Ding und mein Geschmack. Privat laufe ich nicht im Frack herum, sondern eher so wie jetzt mit Stoffhose, Pullover und Sakko. Aber für die Bühne ist ein Frack einfach genau das Richtige.

Kann man gutes Benehmen von Max Raabe lernen?


Raabe: Die Grundlagen, ja. Ich würde zum Beispiel nicht als deutscher Tourist mit kurzen Hosen und Sandalen in ein Restaurant gehen.

Gibt es den typischen Max-Raabe-Konzertbesucher?

 Raabe: Typisch ist: Querbeet. Manchmal sind fünf- oder sechsjährige Kinder da und sitzen ganz aufrecht in Sessel und hören zu. Ansonsten geht das durch die gesamte Altersstruktur durch, bis hin zu den Zuhörern aus der Entstehungszeit unseres Repertoires.

Wirklich?

Raabe: Ja. Vor einem Freiluftkonzert rief letzten Sommer jemand an und fragte „Kann ich meinen eigenen Stuhl mitbringen? Ich bin nämlich jetzt 100:“

Steffen Rüth

Anzeige
KOMMENTAR SCHREIBEN
WEITERE INTERVIEWS
KID ROCK - Ich bin ein Liebhaber großer Songs
Halb sitzt, halb liegt Bob Ritchie, 39, auf dem Sofa seines Zimmers im Berliner „Grand Hyatt Hotel“. Der Mann, den man als Kid Rock kennt, raucht eine Zigarre, verhält sich ansonsten aber sehr brav und freundlich. Anlass unseres Gesprächs ist sein neues Album „Born Fr ...mehr
Stilbruch - Von der Straße auf die großen Konzertbühnen Stilbruch feiern fünften Geburtstag
Von der Straße auf die großen Konzertbühnen Stilbruch feiern fünften Geburtstag Die drei Musiker der Dresdner Band Stilbruch feiern in diesem Jahr ihren fünften Geburtstag. Aus diesem Anlass haben sich Sänger und Cellist Sebastian Maul, Friedemann Hasse an der Violine ...mehr
WIR SIND HELDEN -  DAS IST ALLES EIN EXPERIMENT
Doch, man hat sie vermisst. Zwischen 2003 und 2008 waren Wir Sind Helden praktisch allgegenwärtig und ausgesprochen beliebt. Speziell ihre ersten beiden Album „Die Reklamation“ (2003) und „Von hier an blind“ (2005) mit Hits wie „Guten Tag“, „Müsse ...mehr
Annette Humpe „Ich bin vom Glück beschienen“
Ich + Ich sind der ehemalige Boybandsänger Adel Tawil und Annette Humpe, die mit ihrer Band Ideal bereits in den 80er Jahren musikalische Erfolge feierten. Mit ihrem dritten gemeinsamen Album, „Gute Reise“, geht Sänger Adel auf die vorerst letzte Tour. „Gute Reise&ldq ...mehr
Linkin Park - WIR WOLLEN ÜBERRASCHEN
Das Hotel Sunset Marquis liegt im Westen Hollywoods und besteht aus lauter kleinen Bungalows. In einem davon sitzt Chester Bennington, der 34 Jahre alte Sänger von Linkin Park, und gibt Auskunft zu „A Thousand Suns“, dem neuen Album seiner Band. Linkin Park gehören mit ihrem hy ...mehr
ANZEIGE
Brunch & Frühstück
Events & Veranstaltungen
Anzeige