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Tellkamps Turm auf der Bühne

Natürlich hat Regisseur Wolfgang Engel den Roman «Der Turm» von Uwe Tellkamp gründlich gelesen. Immerhin soll der 67-Jährige das Werk um eine bürgerliche Nischenwelt zu DDR-Zeiten bis zum 24. September auf die Bretter des Staatsschauspiels Dresden bringen.

Dresden . Natürlich hat Regisseur Wolfgang Engel den Roman «Der Turm» von Uwe Tellkamp gründlich gelesen. Immerhin soll der 67-Jährige das Werk um eine bürgerliche Nischenwelt zu DDR-Zeiten bis zum 24. September auf die Bretter des Staatsschauspiels Dresden bringen. Erstmals im Theater überhaupt. Und auch wenn seine Inszenierung so sehr anders sein wird als die Vorlage und viele Dresdner «wohl enttäuschen wird», wie Engel vorsichtshalber schon mal anmerkt: Dass er bei den Vorbereitungen einer leibhaftigen Romanfigur begegnen würde, habe er sich kaum träumen lassen.

«Wir haben als Ensemble etwas Wunderschönes gemacht, und uns von einem Historiker durch das Dresdner Kurviertel Weißer Hirsch führen lassen. Exakt nach den Beschreibungen des -Turm-», berichtet Engel. Als die Theatermacher die Wolfshügelstraße entlang bummelten (im Buch Wolfsleite), kamen sie auch an den nun literarisch verewigten Villen vorbei.

Was dann folgte, berichtet Engels Regieassistent David Lenard: «Eine dort wohnende Schauspielerin sah uns und deutete auf das -Haus Abendstern-. Da stand tatsächlich der Niklas Tietze aus dem Roman.» Der Mann sei ebenso überrascht gewesen und habe sich freudig danach erkundigt, wie weit die Arbeit am Stück voranschreite und ob er auch darin vorkomme. «Dann holte er nicht nur ein Foto, das Tellkamp als Burschen im Garten der Villa zeigt, sondern erzählte auch, wie er dem Jungen oft und gern die eigene Schallplattensammlung vorführte - alles Szenen, die sich auch so im Buch finden», sagt Lenard.

Nach der Exkursion zu den Villen trieb das Ensemble die Proben am «Turm» weiter voran. «Der erste Teil unserer Fassung ist grob durchgearbeitet, jetzt kommen der zweite und dritte Teil», sagt Engel, der heute in Leipzig wohnt, aber selbst einst am Staatsschauspiel wirkte. Er zählte zu den Großen der DDR-Theaterszene, stand auch auf der Bühne und brachte 1989/90 die wohl berühmteste ostdeutsche Inszenierung von Faust I und II heraus, mit einem doppelten Faust und der Punk-Band «Die Freunde der italienischen Oper».

Für eine Passage im «Turm» zeichnet Engel sogar mitverantwortlich, wenn es auch nur ein einziger Satz ist: «Wir treten aus unseren Rollen heraus». Der aber schrieb Theatergeschichte und wurde Teil der friedlichen Revolution.

Auch Tellkamp zitiert die irrwitzige und dafür um so mutigere Aktion der Theaterleute, die Anfang Oktober 1989 im Kleinen Haus des Staatsschauspiels von der Bühne herab eine Resolution für Veränderungen im Land verlasen. Als die Staatsmacht mit Drohungen kam, rezitierten sie den Zuschauern den Protest einfach ins Ohr. Der ebenso wagemutige Fotograf Hans-Ludwig Böhme hat davon ein Foto gemacht, das Engel und das damalige Ensemble zeigt. Der Regisseur weiß also genau, wovon »Der Turm« erzählt, auch wenn er damit kokettiert, «kein Einheimischer» zu sein.

Und diese Perspektive des gleichsam Außenstehenden soll auch die dramaturgische Sichtweise bestimmen. Dabei werde er wohl Erwartungshaltungen jener Dresdner enttäuschen, die bestimmte Personen hinter den Romanfiguren vermuten, sagt Engel, seien sie auch noch so deutlich von Tellkamp aus dem wirklichen Leben abgebildet. Doch Engel legt, wie er sagt, mehr Wert darauf, die unterschiedlichen Haltungen der einzelnen Romanfiguren auszumachen.

Ebenso verfährt der Regisseur mit den Schauplätzen im Buch. «Es ist völlig uninteressant, in welchem Haus gerade etwas stattfindet. Das mag für einen Dresdner interessant sein. Aber für den Rest der Welt nicht, weil er sich nicht in dieses Gefüge, dieses untergehende Atlantis, was Tellkamp da beschreibt, hineinversetzen kann», sagt er. Wichtig sei, wie etwas stattfindet und was es dabei für Begegnungen gibt.

Das wahre Leben ist ohnehin selbst fortgeschrieben: Das «Haus Abendstern» wurde schick saniert und sieht aus wie zur Zeit des Baus um 1900. Der - natürlich umbenannte - Niklas Tietze wohnt noch dort wie einst seine Romanfigur. Im Stück wird sie allerdings nicht vorkommen.

(staatsschauspiel-dresden.de)



ddp - Bild © ddp

geschrieben am: 03.09.2010
Redaktion DD-INside.com


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