INTERVIEWS

Laurent Garnier

Die personifizierte Weiterentwicklung Laurent Garnier als musikalischer Kleptoman

Der Mann war schon immer für eine Überraschung gut. Er tat nie das, was man von ihm erwartete. Er ist die personifizierte Weiterentwicklung. Als er in Manchester begann aufzulegen, in den späten 80ern, da spannte er bereits den Bogen von klassischem Deep House über Detroit Techno hin zu den härteren Acid- und Trance-Klängen.

Auch vor einer jazzigen Anreicherung seiner DJ-Sets schreckte er nicht zurück. Laurent Garnier hat immer Haltung und Charakter bewiesen. Und Anstöße gegeben. So ist es wohl seiner Art und Weise im legendären Hacienda-Club aufzulegen zu verdanken, dass Bands, wie beispielsweise The Stone Roses oder Happy Mondays House-Rhythmen in die Rockmusik trugen. Mit seiner neuen Produktion „Tales Of A Kleptomaniac“ beweist er einmal mehr seine inspirierende Kraft. Ein Drahtseilakt der Stil-Balance. Aber so richtig spannend ist seine aktuelle Live-Show. Auf eine Plauderstunde der besonderen Art lud er Franz X.A. Zipperer. Und hier das Protokoll.

 

Franz X.A. Zipperer (fxaz): Was hat es mit dem neuen Album genau auf sich?


Laurent Garnier (lg): Diese Platte ist das Ergebnis von vielen Live-Konzerten. Wenn ich Konzerte sage, dann meine ich diesmal auch genau das ...


fxaz: ... wir reden hier also wirklich von echten Konzerten und nicht von DJ-Sets?


lg: Exakt. Die Herangehensweise gleicht der Arbeit einer Jazzband. Nichts ist vorproduziert oder so. Ich bin praktisch der Dirigent dieser Truppe.


fxaz: Wie darf ich mir das auf der Bühne live vorstellen?


lg: Wir starten ein Stück und ich entscheide, in welche Richtung es geht und gebe diese Entscheidung dann weiter an die Band. Trotz der Jazz-Arbeitsweise ist natürlich unglaublich viel Elektronisches drin geblieben. Das ist ja mein Hintergrund.


fxaz: Aber es muss doch irgendeinen Rahmen geben?


lg: Es gibt natürlich eine Setlist. Aber keiner weiß vorher,ob das Stück sechs, Minuten, 12 Minuten oder gar 20 Minuten gehen wird. Wir spielen zwar die Stücke der neuen Platte. Aber das sind live nur Ideenskizzen. Wenn es gut klingt lasse ich es laufen und wenn nicht: Schluss. Aus. Feierabend. Nächstes Stück. So ist natürlich auch jedes Konzert völlig anders. Alles
kleine Unikate. Auch die Soli ergeben sich nur aus dem Flow.


fxaz: Hört sich nicht so an, als sei dabei der große Tanzwettstreit angesagt?


lg: Diese Live-Show ist nicht dazu da, die Leute zwei Stunden auf der Tanzfläche zu halten. Es ist ein Konzert. Keine DJ-Veranstaltung. Definitiv nicht. Ich liebe es, wenn die Leute tanzen und ausflippen. Aber hierbei geht es mir um etwas anderes.


fxaz: Was ist dieses andere, von dem Du da sprichst? Wie reagiert das Publikum darauf.


lg: Wir machen auch immer die Erfahrung, das die Hälfte der Leute da steht und sich fragt, hey, wo bin ich denn hier hingeraten? Aber eins kann ich versprechen, wir bieten dem Publikum eine musikalische Entdeckungsreise. Aber sie müssen zuhören, sonst erschließen sich viele Dinge nicht.

fxaz: Da ist für mich der Anknüpfungspunkt zu „Tales Of A Kleptomaniac.“ Diese Entführung in einen unglaublichen Mixturdschungel der unterschiedlichsten Einflüsse ...


lg: ... das Projekt wird seinem Titel voll und ganz gerecht. Das kleptomanische ist absolut vorhanden. Fast 90 Prozent des Materials trägt die Handschrift von jemand anderem. Ich interpretiere dieses Material mit der Band.


fxaz: Noch mal zurück zu Einflüssen. Du bist als Franzose ja einer völlig anderen Klangsozialisation unterworfen, als beispielsweise wir Deutschen.


lg: Wir haben sicherlich deutlich mehr verschiedene musikalische Hintergründe im Land. Zunächst natürlich, wie überall, der Rock´n´Roll. Klar. Aber da sind auch schwarzafrikanische und arabische Klangkulturen. Aufgrund der Kolonialvergangenheit leben diese Ethnien eben in großer Zahl in Frankreich. Dieser Klangummantelung kannst du dich gar nicht entziehen. Auch Reggae ist schon ganz groß bei uns. Ebenso P-Funk und Funk. So gesehen ist das neue Album tiefschwarz. Jetzt nicht von der Haltung und vom Gefühl her, aber von den Klangfarben. Aber im Ganzen gesehen ist das Album von weltweiten Einflüssen gekennzeichnet und die breite Durchmischung ist nicht nur auf meine Klangsozialisation in Frankreich zurückzuführen.
 

fxaz: Mit „Tales Of A Kleptomaniac“ ist die Varianzbreite deiner arbeit noch einmal ein Stück gewachsen ...


lg: ... alle meine Alben sind sehr unterschiedlich. Aber für mich gibt es nur eins. Ich muss mir selbst treu bleiben können. Ich keinen Bock in eine Schublade gesteckt zu werden und jeder erwartet immer und immer wieder das Gleiche. Das ist nicht schöpferisch. Das ist die pure Reproduktion ohne Wandlung. Warum sollte ich mich selbst zitieren. Vor allem dann, wenn ich mich musikalische bewege und etwas Neues zu sagen habe. Das fünfte Studioalbum von Laurent Garnier hat etwas Neues zu sagen. Und das mit Macht und Kraft. Solange es solche großgeistigen Künstler in der Elektronikszene gibt, da muss einem um die Fortentwicklung dieses Genres wahrlich nicht bange werden.


Text: Franz X.A. Zipperer - Foto: MelanieDressel / Laurent Garnierr

 

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