INTERVIEWS

Peaches

Ich mag Kerle

Merril Nisker, 42, geboren in Toronto und seit Jahren wohnhaft in Berlin, hat schon vom Schwänzeschütteln gesungen und sich – für das Cover ihres vorletzten Albums „Fatherfucker“ – einen Bart stehen lassen. Auif ihrem neuen Album „I feel Cream“ jedoch entdeckt Peaches nicht nur den Discopop, sondern wendet sich auch verstärkt ihrer weiblichen Seite zu.

 

 

Peaches, um das direkt mal zu kläen. Was bist du eigentlich: Bisexuell?.


Peaches: Ich würde sogar noch weiter gehen und mich als multisexuell bezeichnen.


Wo ist denn der Unterschied?


Peaches: Also: Meine sexuelle Begierder ist nicht nur auf Männer und Frauen gerichtet, ich selbst fühle mich auch je nach Laune mal männlich und mal weiblich. Der Titel meines Albums zum Beispiel ist ja „Fatherfucker“ und damit eine Reaktion auf den Begriff „Motherfucker“, der für mich überhaupt keine Bedeutung mehr hat, weil er total durchgelutscht ist. Es ist höchste Zeit für den Fatherfucker und höchste Zeit, beide Seiten der Sexualität aufzuzeigen.


Willst Du hauptsächlich unterhalten oder provizieren?


Peaches: Beides natürlich. Vor allem aber unterhalten und meinen Spaß haben. Und ein bisschen belehren will ich auch. Auf meinem ersten Album gab es viele Songs aus der klassischen Männerperspektive, wie „Suck my dick“, oder „Skiddle“, was ein anders Wort für die Klitoris ist. Warum sollen immer nur wir Frauen unsere Titten schütteln? Mit ein wenig gutem Willen können die Jungs das mit ihren Schwänzen genauso gut.


Deine neuen Songs nun sind sehr tanzbar, discomäßig und fast schon zugänglich. „Lose you“ So kannten wir dich gar nicht. Was war los?


Peaches: Ich hatte mir vorgenommen, keine einzige Gitarre auf diesem Album zu haben. Und an diese Vorgabe habe ich mich auch gehalten. Rock sollte nur von meiner Stimme oder von anderen Instrumenten oder elektronischen Elementen kommen. Ich wollte ich auch öffnen und etwas mehr Abwechslung bieten. Als Hardcore-Texterin und Hardcore-Musikerin und Schmutzige-Wasauchimmer habe ich mich mittlerweile etabliert. Wer mich nur wegen dieser Dinge kennt, der sollte auch meine andere wichtige Eigenschaft kennenlernen:
Nämlich, dass man von Peaches immer das Unerwartete erwarten sollte.

 

„Talk to me“ hörte sich an wie ein alter Hit von Foreigner.


Peaches: Ha. Ja, das macht meine Stimme. So würden sich Foreigner vielleicht anhören, wenn sie keinen Gitarristen hätten. Ich liebe dieses Zeugs, diese fetten Rocksongs. Obwohl ich gar nicht an Foreigner gedacht habe bei dem Song. Eher an Tina Turner.


Ist sie dein Vorbild?


Peaches: Jetzt mit über 70 ist sie das. Tina Turner ist die geilste Rockoma der Welt. Kennengelernt habe ich sie damals, als sie im Film „Tommy“ die Acid Queen spielte. Damals hat sie mir richtig Furcht eingeflößt.


Meinst du, viele Menschen haben soviel Angst vor dir wie du Angst vor Tina Turner hattest?


Peaches
: Klar. Ich höre das andauernd. Viele Mädels sagen mir wir Sachen wie „Als ich dich mit 14 zum ersten Mal sah und hörte, warst du mir unheimlich. Aber als ich 17 war, habe ich dich verstanden.“ Um meine Songs zu verstehen, musst du einen gewissen Erfahrungsschatz mitbringen. Mir selbst ging es so mit dem Song „Sex (I’m a)“ von Berlin. Als ich das Lied hörte, war ich 13 und total davon begeistert. Irgendwann verstand ich es, deshalb nahm ich schließlich auch meine eigene Version davon auf.


Willst du den Leuten Angst machen?


Peaches: Nein, gar nicht. Ich will, dass die Leute meine Kunst genießen und Spaß haben, mir zuzuhören.


Wie erwachsen sollte man sein, um Peaches zu kapieren?


Peaches: Ich würde sagen: 16. Das siehst du auch an vielen Popstars. Alle, die vom Mädchen zur Frau heranreifen, nennen dann Peaches als einen ihrer großen Einflüsse. So war es bei Christina Aguilera, als sie ihr „Dirrrty“-Album gemacht hat. Und auch mit Britney Spears, nachdem sie „Not a Girl, not yet a Woman“ gesungen hat, Avril Lavigne auch.


Macht dich das stolz, die Mädchen sexuell zu befreien?


Peaches: Ich sehe mich gern als Befreierin, ja. Egal, ob ich Britney oder deine 16-jährige Cousine aufkläre, ich finde das cool, den jungen Menschen beim Entdecken ihrer Sexualität und allgemein ihres Lebens zu helfen. Aber es ist nicht unbedingt eine Frage des Alters. Man kann auch von vorbildhaften Frauen begeistert sein, wenn man 42 ist, so wie ich. Neben Tina Turner bewundere ich vor allem Grace Jones. Sie ist einfach nur fantastisch und bis heute ein Rieseneinfluss. Debbie Harry, Iggy Pop, Yazoo waren sehr wichtig für mich, später auch PJ Harvey.


Wie findest du eigentlich Lady Gaga, die gerade so abräumt?


Peaches: Ich finde die Lady sehr unterhaltsam. Sie schreibt ihre Songs ja größtenteils selbst, insofern beobachten wir da gerade wohl den Aufstieg eines echten, neuen Talents.

 

Ist „I feel Cream“ eine weiblichere Platte?


Peaches: Das sehe ich nicht so. Ich bin ja nun einmal eine Frau, insofern muss ich meine weibliche Seite ja nicht gesondert zur Schau stellen. Wir alle, egal ob Männer oder Frauen, haben feminine wie maskuline Seiten. Mit dem Bart habe ich die männlichen Aspekte meines Charakters etwas stärker betont, rein optisch. Aber, wenn du meine weibliche Seite als meine verletztliche Seite bezeichnen würdest, dann stimme ich dir zu. Ich wage mehr auf diesem Album, ich setze mich allein schon durch die große Abwechslung auch Kritik aus. Ich habe zudem keine richtige Pointe, keine „Punchline“ auf dieser Platte. Sie ist, naja, weicher, eben cremiger.


„Peaches & Cream“ ist der Name eines Desserts, der Ausdruck kann aber auch eine sexuelle Anspielung sein.


Peaches: Die Interpretationen und Assoziationen von „Peaches & Cream“ sind endlos. Im Grunde ist das aber einfach ein Ausdruck für „Alles ist großartig.“ Vielleicht sollte ich mir ein Alter Ego namens „Cream“ zulegen. So wie Beyonce und Mariah Carey, denen ein Ego ja nicht mehr reicht (lacht).


Dein letztes Album 2006 hieß „Impeach my Bush“. Bist du glücklich, dass er weg ist?


Peaches: Natürlich. Bush stand für Unterdrückung. Unterdrückung von sexuellen Freiheiten, persönlichen Freiheiten, Freiheiten überhaupt, Mit Obama ist eine neue Zeit angebrochen. Was aber auch bedeutet, dass den Menschen nun wieder mehr Selbstverantwortung abverlangt wird.


Du lebst in Berlin. Würdest du sagen, dass Berlin in sexuellen Fragen besonders aufgeschlossen ist?


Peaches: (lacht) Nein. Na gut, irgendwie schon. Du kannst in heterosexuelle Sexshops gehen, in denen Männer gegenseitig an ihren Penissen herumspielen und Mädchen dann anschließend auf sie draufpissen. Also, wer auf so etwas steht...mein Fall ist das jetzt nicht so hundertprozentig.


Hast du einen Lieblingsclub in Berlin?


Peaches: Scala. Das ist ein richtig guter Underground-Club. Tolle DJs legen dort auf, der ganze Laden ist entspannt und nicht so kaputtgehypt.

 

Magst du Angela Merkel?


Peaches: Ja.


Warum?


Peaches: Die Frau überstürzt nichts. Sie macht das Gegenteil von hektischer Politik. Alles wird wieder und wieder diskutiert. So bekommt man vielleicht nicht viel geregelt, aber das was man macht, das macht man vernünftig in Deutschland. Nicht, dass sich das jetzt spießig anhört, aber ich liebe die deutsche Gründlichkeit.


Text: Steffen Rüth Foto: XL Recordings / Beggars Group

 

 

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