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Ingo Appelt :: „Ich bin der Konkursverwalter der Männlichkeit“

Wie wird man vom Maschinenschlosser und Gewerkschaftsfunktionär zu einem der erfolgreichsten deutschen Comedians? Wahrscheinlich weil man einfach das tut, was man am besten kann: Die Menschen zum Lachen bringen. Im Falle von Ingo Appelt steckt aber weit mehr hinter der Fassade als laue Späßchen und Comedy nach dem Haudrauf-Prinzip. Denn Ingo Appelt ist der Retter. Genau. Der Retter der Nation.

Ein Gespräch mit dem 40-Jährigen über seine Aufgaben als Retter, den Verfall der Männlichkeit und uninteressante Politik.

 
Du bist derzeit als „Retter der Nation“ unterwegs. Was macht so ein Retter eigentlich genau?

Die Menschen denken immer, ich will das ganze Land retten. In Wirklichkeit geht’s mir nur um den Titel. Der klingt einfach positiv – denn ich habe ein Imageproblem, wie fast alle Männer. Wir gelten ja mittlerweile so als die Problembären und sind immer irgendwie schwierig. Wenn Mann nach Hause kommt und fragt: „Schatz, bin ich ein Held?“ – dann heißt es ganz schnell: „Mach mal den Abwasch!“ Da steuere ich gegen. Retter sein heißt wichtig sein, toll sein, geil sein. Das ist es doch, was wir alle wollen. Und das macht einen Retter aus.

 
Wie ist dein momentanes Programm entstanden?

Ich glaube, ich bin schon als Retter der Nation auf die Welt gekommen. Das Programm selbst habe ich nie wirklich geschrieben. Ich bin eher jemand, der sich die Dinge ausdenkt und einfach ausspricht. Ich liebe Improvisation. Das was gut ist, das behalte ich bei, Anderes tausche ich wieder aus. Vieles entsteht mit dem Publikum. So verändert sich das Programm fast täglich.

 
Gibt’s auch konstante Themen?

Ein großes Thema ist immer wieder das Mannsein: Vom König der Menschheit herabgestiegen zum Sitzpinkler. Herabgestiegen zum nutzlosen Geburtsbeisitzer. Ich thematisiere einfach die Suche nach der Rolle des Mannes. Ich sehe mich da als den Konkursverwalter der Männlichkeit und frage mich, was mit uns Typen eigentlich los ist. So beginnt das Programm meist mit einer simplen Feststellung: Früher konnte der Mann die Frau an den Haaren in die Höhle ziehen, heute ist sie unten herum rasiert.


Du bezeichnest dich in diesem Zusammenhang auch als Befreiungskomiker.

Ich bin ja eigentlich dazu da, mich selbst und die Männlichkeit zu befreien. Befreiungskomiker heißt, Position zu beziehen und sich guerillaartig für eine Sache einzusetzen. Ich setze mich für all die ein, die zu kurz kommen, die von der Welt betrogen werden und die es nicht so leicht haben auf diesem Planeten. Und das sind genau genommen – alle. Humor ist Befreiung. Dinge über die ich lachen kann, die bedrohen mich nicht mehr. Deswegen bin ich auch Befreiungskomiker geworden. Sonst wäre ich vielleicht ein hochdepressiver Frauenmörder geworden (lacht).

 
Du hast Maschinenschlosser gelernt und warst in jungen Jahren in der Gewerkschaft aktiv. Gibt’s da einen Zusammenhang zu deiner späteren Karriere als Komiker?

Tatsächlich hatte ich meine ersten großen Auftritte auf Gewerkschaftsveranstaltungen. Ich versuchte damals noch als Funktionär relativ ernst über gesellschaftliche Themen zu sprechen. Das Problem war, die Leute haben gelacht. Man hat mich einfach nicht ernst genommen. Da habe ich aus der Not eine Tugend gemacht und bin Komiker geworden. Eigentlich wollte ich Politiker werden. Aber da hat man das Problem, dass man irgendwelchen Sachzwängen unterworfen ist und auch dann wahrhaftig sein muss, wenn eigentlich alles gelogen ist. Und das mit dem lügen bekomme ich nicht so richtig hin.

 
Du hast dich auch immer wieder für die SPD engagiert. Woher kommt dieses politische Interesse?

Mich haben schon als Jugendlicher gesellschaftliche Zusammenhänge sehr interessiert. Bereits im zarten Alter von 15 Jahren war ich als Jugendvertreter im Einsatz für die Gerechtigkeit. Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass dieses Politikersein, dieses Anzugträgerdasein und diese Sachzwänge nichts für mich sind. Ich wollte eher einer aus dem Volke sein und nicht jemand, der mit erhobenem Zeigefinger von oben herab die Menschen belehrt. Nichts desto trotz bin ich bis heute Mitglied in der SPD und unterstütze sie zum Beispiel in Wahlkämpfen.

 
Bekannt bist Du aber eher für deine schlüpfrigen Sprüche. Politisches spielt da oft nur eine Randrolle. Warum?

Randrolle finde ich übertrieben. Politik ist ja alles, was wir im Leben haben. Da geht es um gesellschaftliche Zusammenhänge im Allgemeinen. Politik ist ja einfach nicht sexy, nicht geil und nicht interessant. Da muss man versuchen, die Leute an einem anderen Punkt abzuholen.

 
Wo liegen deine Grenzen, über was sollte man nicht lachen?

Grundsätzlich gibt es keine Grenzen. Es gibt so ein schönes Sprichwort: Man kann über alles lachen, aber nicht mit jedem. Gerade wenn ich vor einem Publikum stehe dann ist das eine sehr intime Atmosphäre. Da merkt man ganz schnell, wo die Grenzen sind. Und dieses Überspitzen, an die Grenze gehen, ist eigentlich nur ein Spielchen, um zu schauen, bis wohin die Menschen mitgehen. Denn so lange das Publikum mitlacht ist es auf deiner Seite. Einen guten Witz kann jeder erzählen. Aber einen schlechten Witz gut zu bringen, dass können die Wenigsten.

 
Du wohnst im 2500 Einwohner zählenden Marialinden. Ist das nicht auch eine herrliche Inspirationsquelle?

Eigentlich eher weniger. Ich habe auch mit den Leuten da nicht allzu viel zu tun. Man steht vielleicht mal zusammen am Gartenzaun und philosophiert darüber, ob man den Laubsauger besser mit Elektro- oder Verbrennungsmotor kaufen sollte. Aber meine Inspirationen entspringen eher der Urbanität. Mal mit der U-Bahn unterwegs sein, im Publikum sitzen, die Menschen beobachten – da entstehen die Themen. Marialinden ist dagegen nur Wald, Wiese und Schafe. Da kann ich dann abschalten.

 
Wie wäre es denn mit einer politischen Karriere nach Ingo Appelt als Comedian?

Vielleicht werde ich noch Bürgermeister von Marialinden. Ist aber alles schwer in der Hand der CDU da. Aber da macht es ja schon wieder Spaß (lacht). Eigentlich bin ich ja auch Wahlkämpfer wenn ich auf der Bühne stehe. Meine Partei heißt Ingo Appelt und ich bin das einzige Mitglied. Vielleicht sollte ich ja mal eine Männerpartei gründen. Aber das wäre auch schon wieder komisch.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Friedemann Schreiter

 
Ingo Appelt, Retter der Nation, 30.05.2008, Alter Schlachthof, www.ingoappelt.de

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