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KID ROCK - Ich bin ein Liebhaber großer Songs

Halb sitzt, halb liegt Bob Ritchie, 39, auf dem Sofa seines Zimmers im Berliner „Grand Hyatt Hotel“. Der Mann, den man als Kid Rock kennt, raucht eine Zigarre, verhält sich ansonsten aber sehr brav und freundlich.

Anlass unseres Gesprächs ist sein neues Album „Born Free“, das drei Jahre nach seinem Welthit „All Summer long“ mit einiger Spannung erwartet wird und  unter anderem Gastauftritte von Bob Seger und Sheryl Crow zu bieten hat.




Kid Rock


„Born Free“ ist ein richtig schön entspanntes, von Countrymusik beeinflusstes Classic-Rock-Album geworden. War es eine lange Entwicklung für dich vom HipHop und aggressivem ock zu dieser zurückgelehnten Musik?


Kid Rock: Ja, das war es zweifellos. Die Musik, die ich heute mache, die lag mir immer
schon sehr am Herzen., Und insofern war es auch ein vollkommen logischer und guter Schritt, auf diesem Album mit Rick Rubin zusammenzuarbeiten. Wir haben den gleichen Hintergrund, wir kennen uns beide gut aus mit Metal, mit HipHop, mit Southern Rock, mit klassischem Rock und Singer/ Songwritertum. Unsere jeweiligen Karrieren umspannen diese Stile, auch zeitlich gesehen gibt es da viele Überschneidungen. Rick hat früher HipHop gemacht, ich auch. Dann hat er Slayer produziert, und ich nahm mein „Devil without a Cause“-Album auf. Jetzt stecken
wir beide sehr intensiv in der Countrymusik. Er und ich haben also jeweils enorme
musikalische Reisen hinter sich. Rick hat mir eine Menge neuer Tricks gezeigt, wie
man Musik aufnehmen kann. Wir haben auf Tricks verzichtet und lieber echte, organische,
ehrliche Musik zusammen gemacht.

Wie erklärst du dir dir selbst deine musikalische Veränderung?

Kid Rock: Mit meinem Alter und meiner, nennen wir es mal, zunehmenden Reife. Mich begeistert heute andere Musik als vor 15 oder 20 Jahren. Ich will kein rüder Rapper mehr sein, HipHop inspiriert mich nicht mehr, das ist doch heute alles nur noch schlechte Popmusik. Ich bin mittlerweile ein großer Liebhaber richtiger Songs geworden. Und von denen gibt es im Radio nicht mehr so viele.

Wen von den aktuellen Popsängerinnen findest du heiß?

Kid Rock: Ich mag Pink sehr gern. All die anderen, die Lady Gagas und Katy Perrys dieser Welt lassen mich kalt. Ich hasse auch solche Shows wie „American Idol“.

Obschon in den Casting-Shows besstimmt andauernd dein Superhit „All Summer long“ verwurstet wird.

Kid Rock: Wird er nicht. Ich habe eine solche Nutzung in Sendungen wie „American Idol“ oder „X Factor“ komplett verboten. Ich würde dort auch niemals auftreten, obwohl sie ständig bei mir anfragen. Mir tun die Kids leid, die dort verheizt und gedemütigt werden. Die Wenigen, die wirklich gut sind, haben keine Chance, sich zu entwickeln, sich erstmal live zu beweisen
und als Künstler zu wachsen. Das ist alles nur Plastik, ich hasse es. Die beste Musik
wurde doch sowieso in den Siebzigern gemacht. Alle waren potthässlich, aber Leute wie Bob Seger und viele andere konnten singen, Songs schreiben und ihre Instrumente spielen.

Dein Sohn Bob jr. ist 17. Würdest du ihn dort mitmachen lassen?

Kid Rock: Ich würde ihm abraten, könnte es ihm jedoch nicht verbieten. Allerdings:
So wie ich meinen Jungen kenne, findet der das sowieso scheiße. Bob ist cool, er hat
seine eigene Band, spielt Gitarre und macht jetzt auch Rockmusik. Wobei ich ihm ernsthaft
gesagt habe, dass es schwer wird für ihn. Man wird ihn immer mit seinem Vater vergleichen, und ich bin gut. Ich habe aber auch eine Menge Opfer gebracht für meine Karriere, ich weiß nicht, ob mein Junge dazu bereit wäre.

Was hast du denn für deine Karriere geopfert?

Kid Rock: Ich habe alles für die Musik riskiert. Ich hatte die Möglichkeit, aufs College
zu sehen, nicht wahrgenommen. Es ist mir bis heute nicht gelungen, eine Familie zu gründen. Ich hatte sehr früh im Leben einen Sohn. Ich bin ein alleinerziehender Vater. Ich hatte kein einfaches Leben. Aber ich habe meine Risiken gekannt und trotzdem bin ich sie eingangen. Ich meine, das Geld, der Erfolg, die Extravaganzen - vielleicht schafft es von 1000 Musikern einer. Ich lebte immer nur für meine Musik und dafür, dass mein Sohn ein guter Mensch
wird. Ich habe Bob alleine großgezogen, jetzt lebt er bald nicht mehr bei mir, sondern
geht studieren. Das wird eigenartig, aber bestimmt auch spannend. Demnächstkann ich einfach mal zwei Wochen Urlaub in Südfrankreich oder so machen, ohne jemanden
zu fragen oder auf die Ferien zu warten.

Beneidest du Leute deines Alters, die ein geregeltes Leben haben?

Kid Rock: Ach, man will immer das, was man nicht hat. Klar, wenn ich mal wieder alleine und einsam in meinem großen Haus sitze, werde ich traurig. Es kommt vor, dass ich vor 40.000 Leuten auftrete und anschließend alleine nach Hause fahre. Auch kann ich nicht überall hingehen, wo ich hingehen möchte. Permanent stehe ich unter Beobachtung. Und manche wollen mich provozieren, weil sie denken, wenn ich mich mit ihnen prügele, bekommen sie Schmerzensgeld. Scheiße ist das. Auf der anderen Seite gibt es jede Menge Menschen, die alles dafür aufgeben würden, um so zu leben wie Kid Rock.

Wie wichtig war der große Erfolg deines letzten Albums „Rock‘n‘Roll Jesus“?

Kid Rock: Sehr wichtig. Ich war auf dem absteigenden Ast und nicht weit davon entfernt, auf Bauernfesten in der Provinz aufzutreten. Wäre „Rock’nRoll Jesus“ kein Erfolg geworden, dann wäre meine Zeit im Rampenlicht vorbei gewesen. Seit der letzten Platte und seit „All Summer long“ bin ich wieder zurück in der Topliga der Tom Pettys und Bruce Springsteens, in die ich
auch hineingehöre.

Auf „Born Free“ sind verglichen mit deinen früheren Platten weitaus weniger Songs, die sich um Sex und Drogen gehen. War das eine bewusste Entscheidung?

Kid Rock: Rick Rubin hat mich dazu ermutigt. Er meinte, ich könnte die nächste große amerikanische Rockplatte machen. Es ging uns einzig und allein nur um die Lieder, um
wirklich herausragende Stücke. Und den ganzen Sex- und Partykram, den habe ich in meinem bisherigen Schaffen ja durchaus abgedeckt. Außerdem werde ich älter, ich sehe das Leben heute nicht mehr so wie früher. Ich bin mit fast 40 ein Mensch geworden, der auch an
andere denkt, und nicht mehr nur in erster Linie an sich. Sondern auch an seine Familie,
seine Nachbarschaft. Meine Wertmaßstäbe haben sich verschoben.

Was waren denn früher deine Werte?

Kid Rock: Naja, was denn wohl? Mit 16 oder 17 willst du Mädchen flachlegen, schnelle
Autos fahren und dich besaufen. Am besten jeden Tag. Autos und Mädchen sind immer
noch wichtig, aber sie sind nicht mehr alle  für mich. Ich habe keine Interessen aufgegeben,
nur neue dazubekommen.

Du hast nach der Scheidung von Pamela Anderson gesagt, dass du nie wieder heiraten
wirst. Bleibt es dabei?


Kid Rock: Ich sehe keinen Grund, meine Meinung zu ändern. Ich hatte eine Weile
wirklich ätzende Dramen und jede Menge Mist in meinem Leben, und seit ich endlich
wieder frei bin, bin ich so glücklich wie vielleicht nie zuvor. Warum sollte ich das aufgeben? Ich fühle mich toll und will das Drama nie mehr zurückholen in mein Leben.

Du singst im Song „For the first Time“ darüber, dass du dich nie wieder benutzen
lassen wirst. Hat Pamela Anderson dich benutzt?


Kid Rock: Immer wieder habe ich Menschen ein mein Leben gelassen, die nicht gut für mich waren. Die mich ausgenutzt haben. Sie ist eine davon, aber nicht die einzige, die sich aus Eigennutz an meinen Erfolg gehängt hat. Heute verbringe ich den Großteil meiner Freizeit mit Leuten, die ich schon seit meiner Jugend oder Kindheit kenne. Mit wirklchen, echten, langjährigen Freunden. Denn die mögen mich so, wie ich bin.

Was ist der Unterschied zwischen Kid Rock und Robert Ritchie?

Kid Rock: Robert Ritchie stand neulich am ersten Tag des letzten Highschool-Jahres
seines Sohnes um 6.30 Uhr auf, um Fotos von seinem Jungen zu machen. Das muss aber keiner wissen, der mich nicht danach fragt. Die Leute sollen ruhig glauben, dass ihr Kid Rock um 6.30 Uhr in irgendeiner Hotelsuite besoffen mit vier nackten Frauen liegt.

Deine alte Freundin Sheryl Crow singt mit dir und deinem Helden Bob Seger zusammen das Stück „Collide“.

Kid Rock: Ach ja, Sheryl ist immer toll. Ihre Stimme passt gut zu meinem rauhen Organ,
doch vor allem harmonieren wir als Menschen ganz toll. „Collide“ ist quasi die Fortsetzung
unseres großen Hits „Picture“. Das Lied handelt von einer wirklich feurigen, verrückten Beziehung. Einer Beziehung, die im Bett super läuft, aber ansonsten nur aus Kämpfen besteht. Sheryl und ich kennen beide solche Beziehungen. Und wir wissen heute: Es lohnt sich nicht, so etwas aufrechtzuerhalten, denn es bedeutet mehr Ärger als Freude. Als junger Mensch hast
du noch keine Vergleichsmöglichkeiten und neigst dazu, an solchen Beziehungen festzuhalten.
Heute weiß ich es besser.

Hattet ihr beiden auch so eine Beziehung? Immerhin ward ihr ja mal zusammen?

Kid Rock: Wir haben Geschichte zusammen, das stimmt, und die Leute können denken, was sie wollen. Aber wir haben uns immer sehr gut verstanden und verstehen uns auch heute immer noch gut. Wir hatten mehr gemeinsam als nur Sex.

Wofür steht der Titel „Born free“?

Kid Rock: Für das große Glück, das wir haben, in einem freien Land geboren worden zu sein. Schließlich gibt es immer noch genug unfreie Orte auf der Welt – China, Nordkorea, Afghanistan und viele andere. Der Song handelt allerdings nicht nur von Amerika, er handelt von der Freiheit in der ganzen Welt. Selbst ihr Deutschen wisst ja durch eure Teilung und die Wiedervereinigung sehr gut, was Freiheit bedeutet. Nämlich so gut wie alles.

Bist du ein Konservativer?


Kid Rock: Nein, ich bin überparteilich. Ich habe bei der Einführungsfeier von George
W. Bush gespielt, ich habe auch auf der Einführungsfeier von Barack Obama gespielt.
Ich bin kein Extremer. Ich will weder, dass irgendwelche Bibelfanatiker mein Land regieren,
noch möchte ich kiffende Hippies in der Verantwortung sehen.

Gibts du deinem Sohn Tipps für den Umgang mit Mädchen?


Kid Rock: Natürlich. Ich bin ehrlich zu ihm, erzähle ihm von meinen Erfahrungen und
hoffe, dass er nicht dieselben Fehler macht.

Habt ihr einen ähnlichen Frauengeschmack?


Kid Rock: Bis jetzt nicht. Er hat dieselbe Freundin seit vier Jahren. Irre, oder?

Wünscht sich dein Sohn einen Burder oder eine Schwester?

Kid Rock: Nein, wir sind beide zufrieden mit unserer Familiensituation. Ich glaube nicht, dass er es cool fände, plötzlich ein Baby zu Hause zu haben. Und Mann, es war schwer genug, den Jungen zu erziehen. Ich habe gerade keine Lust, noch einmal Vater zu werden und mir diesen ganzen Stress anzutun. Lieber mache ich Erwachsenensachen
mit Bob

Bist du momentan eigentlich mit jemandem liiert?

Kid Rock: Yep. Und sehr glücklich. Sie ist ein Mädchen aus meiner Gegend, eine Kleine
aus Michigan. Sie ist eine ganz normale Frau, keine Prominente. Von denen habe ich echt genug. Wir sind uns einig, dass wir nicht heiraten wollen, sondern lieber einfach so unseren Spaß haben. Wir lassen uns unsere Freiheiten, und verbringen trotzdem so viel Zeit wie möglich zusammen.


Gespräch und Interview : Martin Vejmelka
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