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MASSIVE ATTACK: Freunde fürs Leben

Hätte auch nicht jeder für möglich gehalten, dass sich diese beiden Herren noch einmal aufraffen. Haben sie aber. 20 Jahre nach ihrem wegweisenden TripHop-Werk „Blue Lines“ und sieben nach der letzten Platte „100th Window“ kehren Robert Del Naja alias 3D und Grant Marshall alias Daddy G tatsächlich zurück. Ihr nicht mehr ganz so düsteres, aber doch innig brodelndes und vielschichtes neues Album heißt „Heligoland“ und ist gerade auf Rang 4 in die deutschen Albumcharts eingestiegen. Wir sprachen mit Daddy G.

massive attackGrant, gefällt es dir auf Helgoland?

Grant Marshall: Ich war, genau wie Robert, noch nie dort. Vielleicht klappt es aber in diesem Sommer, es würde sich anbieten. Wie man hört, muss die Luft dort sehr gesund sein, es fliegen kaum Pollen. Für mich mit meinem Heuschnupfen ist das ideal. Außerdem kann man nur per Boot die Insel erreichen. Das finde ich cool.

Und wieso heißt euer Album „Heligoland“?

Grant: Helgoland ist für uns eine Art Sehnsuchtsort, deshalb fanden wir den Titel schön. Die Insel hat einer sehr wechselvolle Geschichte und wirkt von außen wie ein Paradies, wenngleich mit einigen höllischen Elementen. 1945 zum Beispiel hat die Britische Marine dort eine nicht nukleare Bombe gezündet. Wer noch nicht wegen des Krieges weggezogen war, machte sich mit dem Gedanken vertraut, dass seine Heimatinsel verschwinden, ausradiert würde. Soviel Fatalismus imponiert mir. In den Sechzigern dann lebte auf Helgoland eine Künstlerkolonie. Die Inselbewohner haben sich nie vereinnahmen lassen, weder von Politik und Religion. Die Helgoländer wirken sehr wacker auf mich.

Wacker seid auch ihr. Seit Monaten befindet ihr euch auf Tournee und nun also kommt nach langer Zeit wieder ein Album. Warum habt ihr eure Fans so lange warten lassen?

Grant: Man unterschätzt den Aufwand, der nötig ist, um ein Album zu machen. Im Herzen sind wir zwar immer Punks geblieben und verehren speziell The Clash über alles, aber in unserer
Arbeitsweise unterscheiden wir uns von einer Punkband sehr stark. Außerdem kiffen wir mehr, das bremst.

Aber ihr sauft weniger.

Grant: Kann sein. Dennoch: Wir waren zwei Jahre auf Tour, haben 2008 in London das „Southbank Festival“ organisiert und hatten dann vor einem Jahr ein Album fertig, das wir aber öde fanden. Also begannen wir noch einmal von vorn.

Wie würdest du „Heligoland“ einordnen?


Grant: Die Platte ist wie eine lange Reise zu uns selbst. Sehr reichhaltig ist „Heligoland“ geworden, es gibt vor allem einige schnellere Stücke und mehr Beats. „100th Window“ war ja
etwas kühl und entstand in einer für uns frustrierenden Phase. Robert und ich waren seinerzeit – vorsichtig ausgedrückt – nicht die besten Freunde. Beim neuen Album bin ich wieder viel engagierter dabei gewesen, im Gegensatz zum letzten deckt es sich voll und ganz mit meiner eigenen Vision. Ich denke, man hört „Heligoland“ an, dass wir beide uns wieder zusammengefunden haben. Es gab früher immer eine ziemliche Spannung bei der Arbeit zwischen Robert und mir, diesmal aber haben wir uns deutlich besser verstanden. Ich drücke uns selbst die Daumen, dass das auch während der Tour so bleibt. Denn wir werden bis Mitte 2011 gemeinsam unterwegs sein.

Ist euch das Zusammenraufen schwer gefallen?

Grant: Wir haben nicht alle Meinungsverschiedenheiten auf den Tisch gelegt, das wäre wahrscheinlich das Ende der Band gewesen, aber wir haben uns zumindest um einige ausgesuchte Probleme gekümmert. Nämlich um all jen, die wir regeln konntkonnten. Wir zwei sind wie Brüder. Wenn es Krach gibt, dann auch massiven Krach. Aber letztlich haben wir erkannt, dass unsere gemeinsame Idee davon, was Massive Attack darstellt, wichtiger ist als unsere individuellen Egos.

Was ist die gemeinsame Idee genau?

Grant: Wir waren ja nie eine klassische Band. Sondern standen an der Schnittstelle zwischen Musikern und DJs. Man holt sich ein paar Sänger, auf „Heligoland“ etwa Damon Albarn, Martina
Topley-Bird, Horace Andy und Tunde Adebimpe von TV On The Radio. Die singen dann über unsere Instrumentals, werden also ein Teil unserer Vision. Es gab nie so einen festen Fokus bei Massive Attack – abgesehen von Robert und mir.

Verbringt ihr auch Zeit miteinander, wenn ihr nicht als Massive Attack tätig seid?

Grant. Kaum. Wir wohnen aber in derselben Straße – Robert an einem Ende, ich am anderen. Außerdem besitzen wir gemeinsam seit zehn Jahren eine niedliche kleine Bar in Bristole, sie heißt „The Tube“. Ich gehe aber kaum hin. Keine Zeit. Ich habe drei Kinder, die sind drei, fünf und sieben Jahre alt.

Wie sieht nach 20 Jahren Massive Attack und wegweisenden Songs wie „Unfinished Sympathy“ dein Zwischenfazit aus?

Grant: Anfangs hätte es uns gereicht, ein einziges Album zu machen, unsterblich zu werden und wieder zu verschwinden. Aber nun haben wir bewiesen, dass man keine klassische Band sein muss, um lange zu überleben. Im vergangenen Jahr bekamen wir den „Ivor Novello Award“, einen prestigereichen Songwriterpreis für Musiker. Das hat uns seht stolz gemacht, auch wenn wir das lustig fanden, weil wir nicht einmal ein einziges Instrument spielen können.

Wie politisch ist die Platte? Die Texte handeln beispielsweise von Bankiers und der Wirtschaftskrise.

Grant: Man redet ja unweigerlich über Politik oder Umweltzerstörung. Ob das nun auf einer Platte geschieht, oder wenn man mit Freunden in der Kneipe sitzt. Wir sind einfach wach und aufmerksam. Auch nach 20 Jahren beschäftigen uns immer noch die gleichen Probleme: Wir sind im Krieg, haben eine Schrottregierung, auch Faschismus und Rassismus sind nicht überwunden. - In den Neunzigern gab es euch, Tricky, Portishead und einige TripHopper mehr.

Existiert die Szene in Bristol noch?


Grant: In Bristol gab es immer Innovationen, schon seit den Tagen von Punk. Auch Drum & Bass oder aktuell Dubstep sind bei uns sehr angesagt. Wir in Bristol mögen Bass.

Du bist kürzlich 50 geworden.

Grant: Danke, dass du mich daran erinnerst (lacht). Im Herzen und im Geiste bin ich immer noch jung. Ich habe den Enthusisasmus und die Leidenschaft eines 20-Jährigen. Wenn diese
Begeisterung irgendwann weg sein wollte, werde ich sofort mit der Musik aufhören.

Text: Steffen Rüth
Foto: W arren du Preez & Nick Thornton Jones

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