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Enter Shikari changieren zwischen Hardcore, Trance und Politik

Kaum, dass Enter Shikari 2003 gegründet waren, haben sich die vier Kerle aus dem englischen St. Albans den Arsch abgespielt. Kein Fuchsloch ist klein genug, um nicht doch dort zu spielen. Die ersten drei Jahre haben sie fast komplett damit zugebracht, zu touren. Zur Aushandlung eines Plattenvertrages hatten sie gar keine Zeit. So waren Enter Shikari am 4. November 2006 die zweite vertragslose Band, die das, inzwischen abgerissene, Londoner Astoria ausverkaufte. Als sich das Jahr 2007 dem Ende neigt, spielen sie ihre 500. Show. Zwischenzeitlich hat man ihnen Preise und Auszeichnungen geradezu hinterher getragen. Und natürlich gibt es inzwischen auch Platten. Ihr Debüt-Album „Take To The Skies“ wird mit dem Einstieg auf Platz vier der britischen Charts zu einem der erfolgreichsten selbst veröff entlichten Alben aller Zeiten. 2009 erscheint mit „Common Dreads“ ihre zweite Scheibe. Was Enter Shikari aber mit dem konsequenten Leben des Geheimnisses des Rock´n´Roll, nämlich Spielen, Spielen und noch mal Spielen, bewiesen haben, ist, dass dieser Weg auch heutzutage noch prima funktioniert. Man muss es nur wollen. Aber was ist musikalisch dran an dem Quartett? Was treibt Elektrofrickler und Sänger Rou Reynolds und seine Kumpane Rory Clewlow an der Gitarre, Chris Batten am Bass und Rob Rolfe am Schlagzeug so um? DD-Inside wollte es genau wissen und schickte Franz X.A. Zipperer in die Berliner Arena.

enter shikari

Franz X.A. Zipperer (fxaz): Beginnen wir mal mit der für euch wohl inzwischen langweiligsten Frage. Aber bei dem Bandnamen geht es nicht anders. Wer kam auf die Idee für den Bandnamen? Und was steckt dahinter?

Rou Reynolds (rorey): Mein Onkel hatte ein Boot, das Shikari hieß. Auf die kindliche Frage, was das denn nun bedeute, erzählte er mir, dass Shikari in Indien Jäger bedeutet. Ich fand das ziemlich cool. Dann haben wir das mit anderen Wörtern in den Wortmixer geworfen und nach einigen Durchläufen kam Enter Shikari heraus. Letztendlich fanden das alle cool und so heißen wir nun.

fxaz: Ihr kommt aus St. Albans, auf halber Strecke zwischen der Londoner City und dem Flughafen Luton gelegen, die Stadt ist ja nicht als der musikalische Nabel der Welt bekannt. Macht man sich da als Jugendlicher ständig nach London aus dem Staub?

Rory Clewlow (rocl): Gar nicht mal, die Stadt aus der wir kommen ist ziemlich vielseitig. Es gibt eine sehr vielschichtige Szene. Die Clubs haben Dancenights und Rocknights. Also werden viele dort sowohl durch Dancemusik als auch durch Rockmusik sozialisiert, ...

fxaz: ... ihr also auch. Ist das der Hintergrund für euren wilden Stilmix?


rocl: Klar doch, da das unsere Wurzeln sind, ist diese Musikmischung für uns selbstverständlich.

fxaz: Habt jemals darüber nachgedacht, eurem explosiven Musik-Bastard einen eigenen Namens-Stempel aufzudrücken? Hört man die aktuelle Platte „Common Dreads“ durch, lassen sich die Einflüsse doch noch deutlicher aufdröseln, als dass man sich mit den Schubladen Dancemusik oder Rock- musik wirklich zufrieden geben könnte. Im Stück „Zzzonked“ wird Drum’n’Bass und Heavy Metal zusammengebracht, in „Antwerpen“ frönt ihr dem puristischen Hardcore und „The Jester“ wurde einem Jazz-Vollbad unterzogen.

rorey: Na, wenn wir uns schon selber kategorisieren sollen, bevorzugen wir den Begriff Trance-Core, ...

rocl: ... du hast schon recht, wenn man sich unser Album anhört, entdeckt man stilistisch alles Mögliche. Wir fixieren uns nicht auf einen Stil, sondern bringen unseren vielfältigen Musikgeschmack in die Lieder ein. Wir hören so viele verschiedene Sachen, von Klassik über Reggae und Jazz bis hin zu Dance und Happy Hardcore. Da lässt es sich schwer festlegen, welchem Genre wir nun angehören.

fxaz: Eure Musik kommt jedenfalls ganz schön hyperaktiv daher. Und eure durchgedrehten Live-Spektakel sind auch nicht von schlechten Eltern. Seid ihr auch im richtigen Leben so drauf?

rocl: na ja, ….

rorey: ... wenn ich so rumlaufen, den Leuten mitten ins Gesicht schreien und die ganze Zeit auf Sachen klettern würde, müssten sie mich wahrscheinlich verhaften. Auf der Bühne kann ich das natürlich tun. Es ist ein Art Ventil. Auf der Bühne kannst du all die verrückten Sachen machen, die du sonst nicht tun kannst.

fxaz: Politik scheint für euch unvermeidbar. Schon immer oder erst seit ihr euch den Protesten gegen Tesco anschlossen habt? Damals, als die Supermarktkette ein riesiges Einkaufszentrum auf ein unberührtes Stück Grün bei St. Albans setzen wollte.

rorey: Es war das erste Mal, dass wir uns an einer solchen Sache beteiligt haben. Und tatsächlich, gemeinsam haben wir es verhindert. Aber wir konnten noch nie nicht irgendwelche naive Musik schreiben. Ich persönlich kann keine schlaff en Soul-Songs darüber schreiben, wie toll ein Mädchen ist. Unser erstes Album war vielleicht etwas kryptisch und mit Metaphern beladen. „Common Dreads“ dagegen ist sehr direkt. Seitdem uns die Leute kennen, haben wir festgestellt, dass wir sie beeinfl ussen können. Und wir haben die Pflicht, zu sagen, was uns beschäftigt. Das ist für uns gelebte Politik.

fxaz: Was genau sind „Common Dreads“, was übersetzt so viel wie gemeinsame Ängste bedeutet?

rorey: Es sind die Sorgen, die man miteinander teilt. Dinge, welche die Leute auf dem ganzen Planeten betreffen: Klimakatastrophe, Kriege, Terrorgesetze, die Überwachungsgesellschaft, moderner Imperialismus und die Folgen eines wilden Kapitalismus, ...

rocl: ... obwohl man sagen kann, dass dies ein politisches Album ist, wollen wir keine Ideen predigen. Unsere einzige Lösung für die Probleme ist, Zusammenkommen, Ideen austauschen und Spaß haben. Man ist nur einmal jung, und so ist es für uns wichtig, auch in dunklen Zeiten positiv zu sein.


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