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Alicia Keys: Nur Karriere? Das ist auf Dauer kein Leben

Alicia, du hast gestern ein kleines Konzert am College, vor Musikstudenten der „NYU“ gegeben. Warum ausgerechnet dort?

Alicia: Ich wollte das immer schon gern machen. Ich habe ja auch eine kleine Vorlesung gehalten, ich liebe diese Form der Diskussion und des Austausches. Zum einen macht es ja Spaß, ein Konzert zu spielen, aber auch die Kommunikation mit den Kids als solche, die bereichert mich sehr.

Du bist ein millionenschwerer Superstar. Kannst du dich überhaupt noch mit Studenten identifizieren?

alicia keysAlicia: Selbstverständlich kann ich das. Wie jeder Mensch liebe auch ich es, Fragen zu stellen und weiterzukommen im Leben. Ich lebe kein selbstzufriedenes Leben. Ich bin sehr neugierig, wie andere Menschen zurechtkommen, was sie bewegt und antreibt. Und gerade Studenten, deren Lebensweg spannend ist und weitgehend ja noch offensteht, inspirieren und interessieren mich sehr.

Du warst immer schon sehr klug, hast zwei Klassen übersprungen, warst mit 16 auf dem College und konntest wenig später einen Plattenvertrag unterschreiben. Denkst du, du bist
ein gutes Beispiel für Kinder, was Bildung angeht? Oder bist du mit deinem Wunderkind-Lebenslauf ein etwas unrealistisches Vorbild?


Alicia: Ach, Wunderkind, das ist doch Unsinn. Ich war halt immer fleißig und bin wahrscheinlich nicht die Allerdümmste, aber als Wunderkind wollte ich nie gesehen werden. Worauf es ankommt, as ist die Inspiration. Die Kinder gehen deshalb nicht gerne zur Schule, weil sie es langweilig finden, weil es dort keine Lehrer gibt, die sie wirklich aufrütteln und begeistern können. Lehrer ist ja auch nicht gerade ein Traumberuf. Du hast viel Stress, musst dich
irgendwelchen Lehrplänen beugen, wirst womöglich noch von deinen Schülern bedroht und trotz allem vergleichsweise schlecht bezahlt. Ich kann verstehen, dass es für Schüler hart ist, dort acht Stunden mit diesem Lehrermenschen zu sitzen, zu dem man keinen Bezug hat und der deine Träume nicht versteht. Aber Kinder und Lehrer gleichermaßen sollten sich klarmachen, dass lehren und lernen kostbare Privilegien sind.

Was hast du selbst denn zuletzt gelernt?

Alcicia: Dass Schlaf ungeheuer wichtig ist. Du bist viel produktiver, wenn du ausgeruht bist. Und viel weniger zickig.

Und das hast du vorher nicht gewusst?

Alicia (lacht) Nee. Schlimm, oder?

Bisschen.

Alicia: Ich weiß. Aber wie gesagt, man lernt eben nie aus. Und ich lerne gerade, wie man seine Arbeit und sein Leben so zusammenfügen kann, dass man gesund bleibt. In den letzten Jahren war ich häufig erschöpft, überarbeitet und entsprechend gereizt. Darunter leiden dann meine Mitmenschen. Das möchte ich nicht mehr.

Also hältst du jetzt eine gesundere Balance zwischen Arbeit und Freizeit?

Alicia: Auf jeden Fall. Zumindest versuche ich das. Ich arbeite hart daran, weniger zu arbeiten (lacht). Konkret sieht das so aus, dass ich möglichst nur noch vier Tage pro Woche arbeite, und mich die übrige Zeit wirklich erhole. Indem ich andere Sachen
mache.

Was denn so?

Alicia: Zum Beispiel meine Mutter besuchen. Oder einen feine kleine Reise unternehmen. Irgendwohin fahren. Einfach mal so, ohne Druck. Abwechslungsreicher zu leben ist viel entspannender, viel schöner und auch viel kreativer. Denn je mehr Eindrücke ich außerhalb des Studios gewinne, desto einfallsreicher wird auch meine Musik.

Klappt das Konzept mit der Viertagewoche denn?

Alicia: In der Tat fällt mir das schwer. Weil ich ungern mit etwas aufhöre, das noch nicht fertig ist. Es passiert also häufig, dass ich zwei Tage mit sehr wenig Schlaf durcharbeite. Um dann zu spüren, dass ich echt müde und am Ende bin. Aufhören, wenn man nicht mehr kann, das musste ich erst lernen.

Wir kennen dich als Frau und Künstlerin, die immer gerne alles unter Kontrolle hat. Und jetzt sagst du, du fährst am liebsten planlos in die Welt hinaus. Sind diese Ausflüge eine Metapher für dein derzeitiges Leben?

Alicia: Oh ja! Riesenmetapher. Deshalb auch der Albumtitel „The Element of Freedom“. Ich habe mich noch freier gemacht mit dieser Platte. Freier vom Druck, den ich mir selbst auferlege, freier von Erwartungen meiner Plattenfirma, auch freier von manchen Menschen, die mich lange begleitet haben. Über die letzten Jahre habe ich mich von einigen engen Freunden getrennt, die mir nicht mehr gut taten und denen ich einfach nicht mehr vertrauen konnte.

Letztlich geht es auch um die Freiheit der Liebe. Oder wovon handelt das Stück „Love is blind“, in dem du zu einem treibenden afrikanischen Rhythmus darüber singst, wie du genussvoll alle Hemmungen verlierst?

Alicia: Hmmmm.

Ist es dir im wirklichen Leben auch schon passiert, dass du vom Verliebtsein, von der Liebe quasi übermannt wirst?

Alicia: Definitiv ja. Obschon ich auch das Lieben irgendwie erst lernen musste. In jüngster Zeit habe ich aber erkannt, dass man den Dingen in der Liebe ihren freien Lauf lassen sollte. Du kannst die Liebe nicht einsperren, nicht unterdrücken. Wenn sie da ist, ist sie da. Und es ist nichts falsch daran, sie dann auch zu genießen, ohne sich schuldig zu fühlen.

Redest du gerade konkret über deine Beziehung zu dem Produzenten Kasseem Dean alias Swizz Beatz, mit dem du seit mehr als einem Jahr liiert sein sollst?

Alicia: Äh, über mein konkretes Privatleben habe ich noch nie öffentlich gesprochen und möchte das auch jetzt nur ungern tun. Aber sagen wir so: „Love is blind“ basiert auf einer sehr persönlichen Erfahrung von mir, die jeder verstehen kann, der selbst schon einmal heftig verliebt war.Die Liebe – sei es für deinen Partner, deine Kinder, deine Familie - ist so stark und so mächtig, dass du dich ihr nicht entziehen kannst. Und warum solltest du auch?

Mindestens zwei Songs auf „The Element of Freedom“ spielen in deinem Bett: Das flotte R&B-Lied „This Bed“ und die kommende Single „Try sleeping with a broken Heart“. In was für einem Bett schläfst?

Alicia: Mein Bett ist riesengroß und total weich. Es hat furchtbar viele Kissen, und man sinkt sehr tief darin ein. Das ist die Sorte Bett, in die du dich reinlegst und sofort einschläfst.

Zugleich handeln beide Bettlieder von Trennungen.

Alicia: Schon witzig, dass jeder denkt, „This Bed“ sei ein Schlussmachlied.

Ist es doch auch.

Alicia: Nein. Es geht um den Moment, bevor eine Beziehung in die Grütze geht. Um diese kurze Phase, in der man vielleicht noch die Kurve kriegen könnte, es fast immer jedoch vermasselt, weil schon zu viel Vertrauen und Glaube an eine gemeinsame Zukunft zerstört worden sind.

Dann ist es ja doch ein Trennungssong.

Alicia: Wenn dcu darauf bestehst (lacht). „Try sleeping with a broken Heart“ wiederum, dieses herrliche, magische Lied, das ich vom neuen Album vielleicht am meisten liebe, handelt ohne jede Diskussion vom Ende einer Beziehung und wie man damit umgeht.

Alicia, du hast gestern ein kleines Konzert am College, vor Musikstudenten der „NYU“ gegeben. Warum ausgerechnet dort?

Alicia: Ich wollte das immer schon gern machen. Ich habe ja auch eine kleine Vorlesung gehalten, ich liebe diese Form der Diskussion und des Austausches. Zum einen macht es ja Spaß, ein Konzert zu spielen, aber auch die Kommunikation mit den Kids als solche, die bereichert mich sehr.

Du bist ein millionenschwerer Superstar. Kannst du dich überhaupt noch mit Studenten identifizieren?

Alicia: Selbstverständlich kann ich das. Wie jeder Mensch liebe auch ich es, Fragen zu stellen und weiterzukommen im Leben. Ich lebe kein selbstzufriedenes Leben. Ich bin sehr neugierig, wie andere Menschen zurechtkommen, was sie bewegt und antreibt.
Und gerade Studenten, deren Lebensweg spannend ist und weitgehend ja noch offensteht, inspirieren und interessieren mich sehr

Du warst immer schon sehr klug, hast zwei Klassen übersprungen, warst mit 16 auf dem College und konntest wenig später einen Plattenvertrag unterschreiben. Denkst du, du bist ein gutes Beispiel für Kinder, was Bildung angeht? Oder bist du mit deinem Wunderkind-Lebenslauf ein etwas unrealistisches Vorbild?

Alicia: Ach, Wunderkind, das ist doch Unsinn. Ich war halt immer fleißig und bin wahrscheinlich nicht die Allerdümmste, aber als Wunderkind wollte ich nie gesehen werden. Worauf es ankommt, das ist die Inspiration. Die Kinder gehen deshalb nicht gerne zur Schule, weil sie es langweilig finden, weil es dort keine Lehrer gibt, die sie wirklich aufrütteln und begeistern können. Lehrer ist ja auch nicht gerade ein Traumberuf. Du hast viel Stress, musst dich irgendwelchen Lehrplänen beugen, wirst womöglich noch von deinen Schülern bedroht und trotz allem vergleichsweise schlecht bezahlt. Ich kann verstehen, dass es für Schüler hart ist, dort acht Stunden mit diesem Lehrermenschen zu sitzen, zu dem man keinen Bezug hat und der deine Träume nicht versteht. Aber Kinder und Lehrer gleichermaßen sollten sich klarmachen, dass lehren und lernen kostbare Privilegien sind.

In „Pray for Forgiveness“ erwähnst du deine Mutter. Worum geht es in dieser mächtigen, emotionalen Ballade?

Alicia: „Pray for Forgiveness“ ist eine Art Aufschrei. Es geht um die Suche nach dem Sinn des Lebens, die Suche nach dem Glück.

Du hast es recht gut geschafft, dein Leben zu behalten. Man liest nicht jede Woche in der Presse über dich, deine Dates oder was auch immer.

Alicia: Stimmt, und darüber bin ich unglaublich froh. Ich könnte es nicht aushalten, ständig unter dem Brennglas der Öffentlichkeit zu stehen. Ich teile meine Musik und viele meiner Gedanken. Aber es gibt Dinge und Momente, die möchte ich nur für mich
behalten.

Liest du gerne Klatsch über andere Stars?

Alicia: Geht so. Wenn ich bei einer Freundin zuhause bin und die hat sowas auf dem Tisch liegen, dann blättere ich schon mal durch. Aber ich würde mir solche Klatschzeitschriften nicht kaufen.

Wie hast du es geschafft, seit bald zehn Jahren so weit oben zu bleiben? Nicht viele Künstlerinnen sind ähnlich verlässlich und beständig.

Alicia: Oh danke. Das macht mich auch sehr stolz. Mein Wunsch war immer, zeitlose Musik zu machen. Musik, an die sich die Menschen für immer erinnern können. Ich schütte mein Herz in jeden Song, den ich aufnehme, meine Musik ist mir alles andere als gleichgültig.

Es gibt nicht mehr so viele Künstler wie dich heutzutage. Menschen unter 30, die bereits Klassiker sind.

Alicia: Stimmt. Ich hoffe auch, dass es so weitergeht. Eines Tages möchte ich einen ähnlichen Status haben wie meine großen musikalischen Idole. Wie Stevie Wonder, Elton John oder Sting. Das sind Künstler, die für immer in den Herzen der Menschen weiterleben werden, auch in 100 Jahren noch. Die haben einzigartige, andere Musik gemacht. Gerade in unserer heutigen Zeit, unter Menschen meiner Generation, wird es nicht besonders gefördert, anders oder ausgefallen zu sein. Sich etwas zu trauen. Das finde ich schade. Weil ich davon überzeugt bin, dass jeder Mensch seine eigene Identität finden und für sich selbst scheinen sollte.

Welche Geschäftsfelder willst du noch erobern? Du drehst Filme, hast jetzt eine eigene Schmuckkollektion. Wie geht es weiter?
 
Alicia: Beides ist kreativ, beides macht mir viel Spaß, und ich werde hoffentlich auch weiterhin Filme machen. „The Barber’s Daughter“ heißt die Schmuckkollektion. Sie besteht aus handgemachten Stücken, in die Worte und Sprüche eingraviert sind. Das ist eine Art Fortsetzung meiner Arbeit als Songtexterin. Mit diesen Worten möchte ich die Menschen aufmuntern.

Hast du auch außerhalb der Musik Vorbilder?

Alicia: Ich bewundere Menschen wie Oprah Winfrey, die sich aus eigener Kraft bis ganz nach oben gearbeitet hat. Und ich verehre die Obamas. Wahnsinn, was die geschafft haben.

Alicia Keys als die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten – ist das ein verlockender Gedanke?`

Alicia: Puh, das weiß ich nicht. Der arme Kerl hat unfassbar viel um die Ohren. Barack Obama bekommt garantiert noch viel weniger Schlaf als ich.

Steffen Rüth



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