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Die Skeptiker erheben erneut ihre Stimme

Für Die Skeptiker ist die Zeit nicht zum ersten Mal reif. Eigentlich ist sie überreif. Und das gleich in jeder Beziehung. Eugen Balanskat, der Sänger und einziges noch vorhandenes Gründungsmitglied,könnte davon mehr als nur ein Lied singen. Er könnte nicht nur. Er kann. Und dies mit seiner bekannt spitzen Zunge. Diese Lieder sind alle auf der aktuellen Platte „Fressen und Moral“ versammelt. Laut, wie immer. Punkdurchtränkt, wie seit jeher. Treffsicher, wie lange nicht. Und lange nicht hat es in sich. Eine stetige Achterbahnfahrt ist die bisherige Kariere von Die Skeptiker. Gegründet 1986 sind Die Skeptiker neben Sandow und Die Art eine der wenigen nicht staatstragenden Undergroundbands aus der DDR, welche auch nach der Wende im vereinten Deutschland Fuß fassen konnte.

Die Skeptiker haben mit ihrer schnellen Härte der fast opernhaften Stimme von Eugen Balanskat ein traumhaftes Surfbrett geliefert. Die politisch und lyrisch anspruchsvollen Texte kitzeln immer den Nerv der Zeit. Aus dem Kitzeln wird auch schon mal stechender Schmerz. So brachial auf den Punkt bringt der Frontmann die Kommentare zur Zeit. Noch bei AMIGA erscheint 1990 die Platte „Harte Zeiten.“ Danach steigt die komplette Band aus und Eugen Balanskat macht mit wechselnden Musikern weiter. Es folgen 1991 der Klassiker „Sauerei“ und 1998 als zunächst letzte CD der Flop „Wehr Dich!“ 2000 gibt es die Skeptiker nicht mehr. Schluss. Aus.Vorbei. Doch eine Katze wie Eugen Balanskat lässt das Mausen nicht. Im Sommer 2007 gibt es Auftritte auf einigen Festivals, im späten 2007 auch eine weitere Tournee. Jetzt steht die neue CD in den Läden und Franz X.A. Zipperer durfte dem Ex- und Wiederfrontmann Eugen Balanskat dazu befragen.


skeptikerFranz X.A. Zipperer (fxaz): Was sieht dein Fazit nach 20 Jahren innigen deutsch-deutschem Händchenhaltens aus?

Eugen Balanskat (euba): Ob das so innig ist? Es gibt Enttäuschung landauf, landab. Und zwar darüber, dass sich aus dem Zusammenschluss beider deutscher Staaten kein neuer Versuch eines veränderten Systems ergeben hat. Eine vertane Chance. Ich weiß, dass viele Leute aus dem ehemaligen Osten eine andere, klarere Sicht auf die Dinge haben. Sie haben Erfahrung mit zwei gesellschaftlichen Realitäten durchlaufen. Der normale Westbürger nur eine.

fxaz: Und darüber musst du singen?

euba: Unbedingt. Solange ich nicht das Gefühl habe, das in politischer Hinsicht alles rund oder zufrieden stellend läuft in diesem Lande, werde ich dazu auch Stellung zu beziehen. Deutlich und klar. Schließlich entstammen wir ja nicht der Funpunk-Fraktion.

fxaz: Was bedeutet dann Punk heute für dich?

euba: Rückblickend ist Punkrock die Musik meiner pubertären Jugendzeit. Und da alte Liebe bekanntlich nicht rostet lasse ich Punk-Einflüsse gerne auch in aktuelle Stücke einfließen. Heute sehe ich Punk als persönliche Sicht einer Freiheit. Als eine Haltung. Ein Lebensgefühl.

fxaz: Von der Wirkung her gesehen, was vermag Punk zu leisten?

euba: So wie wir ihn aufbereiten, kann er dem Publikum zwar das Gefühl vermitteln, mit ihren Problemen und Befindlichkeiten nicht allein zu sein. Und diese Art von Stärkung ist ja schon mal was. Eine weiterreichende Kraft von Musik halte ich für eine Illusion.

fxaz: Ist die Kraft der Musik denn wenigstens so stark, dass du davon leben kannst?

euba: Leben kann ich von der Musik nicht. Ich jobbe als Veranstaltungshelfer, im Messebau, bei Umzügen. Es geht darum, sich über Wasser zu halten eben. Wer so lebt, hat aber keinen abgehobenen Blick. Das hilft auch beim Stückeschreiben.

fxaz: Du betrachtest die Welt also aus einer prekären Situation heraus. Braucht es die, um politisch glaubwürdig Musik machen zu können?

euba: Das kann man so nicht sagen, Erfolg wünscht man sich selbst doch immer. Zumal Musik für mich immer noch eine Traumerfüllung ist. Auch professionelles Musizieren und politische Glaubwürdigkeit schließen sich ja nicht aus. Ich gebe allerdings zu, wenn Die Skeptiker beispielsweise so erfolgreich wären wie die Toten Hosen oder Die Ärzte, wäre es natürlich mit dem Außenseiterdasein, dass wir jetzt führen, wohl vorbei. Das heißt aber nicht in jedem Fall, dass es mit Glaubwürdigkeit auch den Bach runter gehen muss.

fxaz: Kristallisiert sich eigentlich über die Jahre aus der eigenen Arbeit ein ganz bestimmtes Lieblingsstück heraus, das alle Platten überdauert?

euba: Von den allen Platten ist es „Der Rufer in der Wüste.“ Wer sich am 20.November in die Dresdner Scheune aufmacht, der wird Die Skeptiker mit scharfen Krallen erleben. Sie zeigen, wie wenig die zeit ihren Themen anhaben konnte. Aggressiv und rau werden gegenüber einer satten Gesellschaft nachdenkliche aber wortgewaltige Kampfansagen formuliert. Denn der Verweis im Albumtitel auf Berthold Brechts „Erst kommt das Fressen und dann die Moral“, ist ja nicht zufällig gemacht worden. Aber sind nicht das genau die Gründe, weswegen man zu einem Konzert von Die Skeptiker geht?

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