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Party und Politik - Mediengruppe Telekommander

Party und Politik - Mediengruppe Telekommander zwischen Text und Tanz

„Mediengruppe Telekommander“ haben immer ein klares Bekenntnis zu Berlin abgelegt. Beim Singen bricht manchmal dann doch der Wiener Schmäh oder Münchner Bayerisch durch.
Soweit zur aktuellen Verortung von Florian Zwietnig, dem Süddeutschen und dem Österreicher Gerald Mandl. Seit etwa einem Jahrzehnt kreuzen die beiden mit geblähten Segeln über das
Szenemeer. Auch anderweitig sind sie als Kreuzer überaus erfolgreich. Als Genrekreuzer. Rock, Punk, deutscher Hip Hop und Elektronisches mischen „Mediengruppe Telekommander“
zur besten Elektro-Melange. Und wurden so zur Blaupause jeder Menge Imitatoren. Eigenständig wie immer ist die neue CD „Einer muss in Führung gehen.“ Der Dresdner Beatpol wird am Samstag, den 26. September zur Arena für das wort- und beatgewaltige
Trio. Vorher aber wird haben sie Franz X.A. Zipperer zum Diskurs geladen. Was auch nichts anderes ist, als ein hin und her gehendes Gespräch, wie das Lexikon weiß.



Franz X.A. Zipperer (fxaz): Beim vorliegenden Album seid ihr Beide euch nicht mehr genug. Jetzt trumpft ihr als komplette Band auf. Ein Schlagzeuger musste her. Optisch macht das auf jeden Fall was her. Aber was kann er noch, was, eine eurer bisherigen Maschinen nicht konnte?

Florian Zwietnig (floz): Wir wollen unseren Stücken eine neue, hörbare Dynamik verliehen, die eine Maschine so nicht liefern kann. Durch die geschlagenen Becken kommt auch eine weitere Kraft und Lebendigkeit hinzu, die den Stücken ein anderes Gesicht gibt. Die bisher im Vordergrund stehende Elektronik gruppiert sich dann darum.“

fxaz: Dadurch habt ihr die Tanzbarkeit eurer Aussagen ordentlich verschärft. Ihr lebt so auf Platte und auch live eine Energie, die den Spaß mit derben, funkigen Beats nicht nur den Beinen zurückgibt, sondern durch die punkige Haltung der Texte auch dem Kopf.

Gerald Mandl (germ): Wir tun nichts Anderes, als die Leute mit Musik zu konfrontieren, bei der sie nicht nur zuhören sollen. Sie sollen mitmachen. Idealerweise wäre die Trennung zwischen Band und Publikum aufzuheben. Nicht umsonst heißt eine unserer Platten „Näher am Menschen.“

fxaz: Diese Menschennähe, die springt einem aus jedem Stück entgegen. Die muss aber ja erstmal geschaffen werden. Wie erreicht ihr dieses Nahesein?

germ: Wir sehen uns in gewisser Weise als Feldforscher. Wir ziehen los und recherchieren im Leben um uns herum. So sind wir nicht nur dabei, sondern mittendrin, um mal wieder Werbegewäsch einfließen
zu lassen. Aus diesen teilnehmend beobachteten Aspekten, daraus entstehen dann später die Stücke.

fxaz: Da werden die coolen und immer gut aufgelegten Menschen entlarvt. Im Zentrum der Analyse steht diesmal die große Stadt. Und das Leben darin. Was missfällt euch
da so sehr?

floz: Wir haben gar nichts gegen Medien. Grundsätzlich zumindest. Und auch nichts gegen Coolness. Schon gar nicht gegen städtisches Umfeld. Wir leben ja selber mittendrin. Aber die Art und Weise der Ausgestaltung des erforschten Lebens macht es. Das ständige großstädtische Nachvornegehetze ohne Rücksicht auf Verluste, ohne nach rechts oder nach
links zuschauen. Das ist und bleibt unser Thema.

fxaz: Könnt ihr beschreiben, wie ihr zu eurer ureigenen, parolenhaften Textform gefunden habt?

floz: Wir wollten nie Kopierer sein. Deshalb ist uns nicht nur die eigene Textform so wichtig, die musikalische Form ja genauso. Beides sind Synthesen. Denn auch wenn du etwas Eigenes entwickelst, bist du ja nicht frei von Einflüssen. Uns haben immer die geschrieenen, reduzierten Satzfetzen der Hip-Hopper fasziniert. So hat sich unsere schlagworthafte Textsprache entwickelt, die nie verleugnet, dass wir die Buchstaben auch gerne in der Werbesprache gebadet haben. Wir haben einfach die Schnauze voll von genormtem Infogewäsch, ...

germ: ... doch ohne Ironie geht es bei uns auch nicht ab. Nie. Gerade nicht auf dem aktuellen Album.

fxaz: Eure Stücke funktionierten meist nach dem Prinzip schneller, höher, weiter. Doch bei „runter kommen“ und „Es gibt immer was zu tun“ habt ihr Tempo rausgenommen. Warum?

germ: Für unsere Verhältnisse ist es langsam. Stimmt. Wobei ist sich ja nicht um eine Ballade oder ein Ambient-Stück handelt. Bisher war nie der Kontext gegeben, in den entschleunigte Klänge reingepasst hätten. Unsere Platten sind ja immer wie die Playlist eines DJs aufgebaut. Da ist alles ein Fluß. Und da haben die beiden Stücke einfach gepasst. Zudem ist „Es gibt immer was zu tun“ auch unser erstes Instrumentalstück. Geblieben sind auch auf „Einer muss in Führung gehen“ die provozierenden Popslogans, unterlegt mit mächtigen Musikwellen. All dass und ihre geballte Ladung Bühnenpräsenz lassen Auftritte von „Mediengruppe Telekommander“ zu einem Garanten für einen gelungenen Abend werden. Die gesamte
Präsentation ist so schön hintersinnig, hintergründig und hinterfotzig.

Party und Politik
Mediengruppe Telekommander zwischen Text und Tanz


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